Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1625833
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ENGLAND 
XXXVII. 
lesbar, und verdankte zum T heil dieser wohlfeilen Sentimentalität 
seine rauschenden Erfolge.  
Das gegenständliche Interesse spielt fast überall noch die erste 
Rolle, und dies ein wenig rührselig genrehafte. lyrisch weiche oder 
allegorisch subtile Element, das durch die englischen Figuren- 
bilder geht, würde bei einer andern Nzttion leicht in kraftloser Ver- 
schwommenheit enden. In England halt die Portriitnralerei, die heute 
wie zu Reynolds' Tagen den grössten Ehrentitel der englischen Malerei 
bildet, stets die Verbindung mit der tinmittelbaren Wirklichkeit auf- 
recht. Das Portriit ist bekanntlich in der Gegenwart etwas sehr 
ernstes gexxrorden: es- verträgt keinen decorativen Luxus, kein Spiel 
mit Stoffen, keine Pose mehr, und die englischen Bildnisse haben 
diese strenge Sachlichkeit im höchsten Grade. Eigensinnige Hart- 
näckigkeit, sanguinische Entschlossenheit und knochige Willenskraft 
wird oft als nationale Eigenschaft des Engländers genannt, und etwas 
davon scheint auch die englische Porträtmalerei zu verrathen. Das 
Selbstgefühl dieser Menschen ist viel zu gross, als dass es nach 
dienerhafter Gewohnheit Schmeichelei duldete oder gar verlangte: 
alles ist posenlos, einfach und schlicht. Mag es um die wettergeprüfte 
Gestalt eines alten Seemannes sich handeln oder um die blendende 
Frische der englischen Jugend: in allen Werken liegt eine merk- 
würdige Energie und Lebenskraft, selbst in den Bildnissen dieser 
Kinder mit der grossen freien Stirn, der feinen Nase, der durch_ 
dringenden Sicherheit des Blicks. Und da die Portriitmalerei in Eng- 
land zu ihrem eigenen Heil wie zum Frommen der ganzen Kunst 
nie als gesondertes Fach betrachtet wurde, sind solche Bilder vom 
kühlsten Akademiker wie vom frischesten Naturalisten zu verzeichnen. 
Der in seinen grösseren Bildern so düsseldorfisch angehauchte Frank 
Holl zeigte am Schlusse seines Lebens in seinen Bildnissen des 
Kupferstechers Samuel Cousins, des Lord Dulferin, des Mr. Joseph 
Chamberlain, des Lord Wolseley, Gladstones, des Duke of ClCVClLIIILi, 
des Sir George Trevelyan, des Earl of Spencer eine schlichte Mann- 
lichkeit, die seinen früheren Arbeiten durchaus fehlte. Da war eine 
Schärfe der Charakteristik, eine Ungezwtingenheit der Pose, die selbst 
in England auffiel. Es ist kaum möglich, Leute natürlicher hinzu_ 
stellen und vom Ausdruck noch mehr jene concentrirte Photographie- 
aufmerksamkeit fernzuhalten, die Porträts so leicht bekommen. Selbst 
der temperamentlose Leighton, dem sonst das Maasshalten der Antike 
in Fleisch und Blut tibergegangen, wird sofort nervös, fast brutal,
        

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