Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert
Person:
Muther, Richard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1624040
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1625477
IOO 
XXXVII. 
ENGLAND 
einer weichen, an den Dresdener Hofmann erinnernden Empfindungs- 
weise, und das Ergebniss ist eine sanfte ad usum Delphini zurechty 
gemachte Classicität, die, auf den Beifall der Künstler verzichtend, 
umsomehr dem Geschmack der vornehmen Damenkreise entspricht. 
Seine Hauptwerke, der Stern von Jerusalem, Orphetis und Eury- 
dike, David und Jonathan, Elektra am Grabe Agamemnons, Daphne- 
phoria, Venus Anadyomene u. dergl. gehören zu den vornehmsten, 
aber kühlsten Schöpfungen der gegenwärtigen englischen Kunst. 
Selbst seine Phryne ist eine Lady ohne verführerischen Reiz; nichts 
verräth die Hetäre, sie könnte ebensogut eine Juno bei der Bade- 
toilette darstellen und wurde von ihrem Vater gezeugt, während er die 
polykletischen Schönheitsregeln memoriite. Die gefangene Andromache 
am Brunnen 1888 war vielleicht die Quintessenz dessen, was er an- 
strebt. Die Hintergrundscoulisse bildet der Hof eines antiken Palastes, 
WO Sklavinnen zum Wasserholen versammelt sind. Als Hauptactrice 
im Mittelpunkt der Bühne steht Andromache, die den Krug vor sich 
gestellt hat und würdevoll wartet, bis die Sklavinnen ihre Arbeit 
beendet haben. Dies Wasser-schöpfen gibt Leighton Gelegenheit, 
eine Szunmltmg schöner Posen zu vereinen. Die Wittwe Hectors 
drückt mit Decenz einen ltöniglichen Schmerz aus; die Amphoren- 
trägerinnen gehen und stehen, wie es die griechischen Vasenbilder 
verlangen, aber nicht mit jener Sicherheit der Linie, die sich aus 
der wirklichen Beobachtung des Lebens ergibt. In seiner stilvollen 
Noblesse, seiner edlen Anordnung und Reinheit der Linien, die vor- 
nehm aber unpersönlich die Formen umschreiben, ist das Bild ein 
trockenes, abgezirkeltes Werk von der Kälte des Marmors und 
porzellanerner Glätte. xHCYCLIlCS, der mit dem Tod um den Körper 
der Alcestis kämpfte, könnte ein griechisches Sarkophagrelief sein, 
so wohlabgewogen sind Massen und Linien. Die Pose der Alcestis 
ist vornehm wie die der Parthenonnymphen, nur wiire sie nicht 
so fein, wenn diese nicht existirten. Seine sMLISllQlCCIiODK von 
1877 ist liebenswürdig und sein xElias in der ÄVüstea hat Allüre. 
In seinen Fresken des South-Kensington-Museums gibt er ein 
wahres Compenditim schöner Bewegungsmotive. Das Auge verweilt 
gern auf diesen halbnackten, halb von Gewändern tunflosseneii 
Weiberkörpern, bemerkt aber auch an diesen Schöpfungen, dass sie 
sich aus Wissen und künstlerischen Reminiscenzen aufbauen; das 
Leben fehlt ihnen, da ihr Meister selbst sich aufgab, um nur noch 
mit den Organen eines todten Griechen zu fühlen. Leightons Farbe
        

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