Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aretino oder Dialog über Malerei
Person:
Dolce, Lodovico Eitelberger von Edelberg, Rudolf Cerri, Cajetan
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398997
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1400445
für schöner, weil derselbe, den geringen Geschmack des Pabstes wohl ken- 
nend, sein Werk schlauerweise mit den feinsten Azurfarbcn nufgeziert hatte. 
viel Gold darüber streute und ferner solche Farben, welche dazu taugen, die 
Augen zu beschäftigen. Ich behaupte desswegen aber nicht, dass schöne 
Farben nicht zum Schmuck gereichen, aber wenn der Fall der ist, dass unter 
dem Colorit und mit demselben zusammen nicht auch Schönheit und Rich- 
tigkeit der Zeichnung angetroffen wird, so ist die Mühe eitel; es ist, wie 
schöne Worte ohne Saft und Mark von Gedanken. Zu diesen gehören meines 
Erachtens diejenigen, welche den bewundernswerthen Tizian loben wollten, 
weil er in den Färbungen so trefHich sei. Wenn er kein ander Lob als dieses 
verdienen würde, so möchten ihn viele Weiber übertreffen, die ohne Frage 
mit Weiss und Zinnober sich die Gesichter so hübsch färben, dass die Wan- 
ner, was die Erscheinung der Farben betritlt, nicht unbetrogen bleiben. KVenn 
sie aber eine lange Nase, einen grossen Mund, die Augen, in denen der Thron 
der Grazie und Schönheit ist, schielend und übelstehend haben, so vermag 
es die Bemalung mit jenen Farben nicht zu verhindern, dass ihre Hässlich- 
keit und Widerlichkeit zum Vorschein käme. Die Lobwürdiglteit der 
Malerei beruht also vor allem auf der Vertheilung der Formen, in denen das 
schöne und vollkommene der Natur zu erreichen getrachtet wird. Hierin ist 
der allertrefliichste Tizian, wie in jedem andern Theile, nicht allein göttlich 
(in der Weise, wie die Welt von ihm glaubt), sondern der göttlichste und 
ganz ohne gleichen, denn er vermählt mit der Vollendung der Zeichnung die 
Lebendigkeit des Colorits in einer Weise, dass seine Arbeiten nicht gemalt. 
sondern wirklich zu sein scheinen. 
Der Maler bedarf noch eines andern Dinges, das nicht minder von- 
nöthen ist als alle übrigen. Das ist, dass seine lvialereien, die er entwirft, die 
Stimmungen und Leidenschaften des Gemüthcs bewegen, so dass die Be- 
schauer fröhlich werden, oder sich betrüben, je nach der Beschaffenheit des 
Gegenstandes, wie die guten Dichter und Redner es vermögen. Zum Bei- 
sjsiele, dass diese Seite bei den antiken Malern vertreten gewesen, kann die 
Statue des Laocoon dienen, die im Belvedere zu Rom sich befindet. 
Auch ist es nöthig, dass das Fleisch Weichheit und Zartheit besitze, 
mehr oder Weniger, nachdem es die Art der Figur erfordert; dass dem Fleisch 
einer Frau grössere Weichheit als jenem eines Mannes zukomme: dem eines 
Jünglings eine grössere als einem Alten, einem Edelmanne als einem Bauern; 
einem Manne, Welcher in Frieden und behaglich zu leben gewohnt ist, mehr 
als einem Krieger, der die Beschwerden des Waffenhandwerkes kennt, u. dgl. 
Auch sollen die Tinten nüancirt sein, wie sie die Natur variirt. Denn wah- 
rend ein ganz grelles Weiss niemals gefällt, enthält eine gewisse Mischung 
zwischen weiss und braun alle Grade der Schönheit, wie man das an der 
h. Katharina unsres grossen Tizian gewahr wird, die bei den Minderbrüdern 
in S. Nicolö zu sehen ist. Umgekehrt aber ist die Lleberfülle von Farben- 
tönen, welche heutzutage zum grössten Theil die Maler in ihren Arbeiten 
erkünsteln, abgesehen davon, dass man daran merkt, sie möchten ihren Figu- 
ren so gerne Relief verleihen, und nebstdem, dass sie es zur Ergötzung der 
Unwissenden thuen,  auch fern von aller Wahrheit. Selten. vielleicht nie-
        

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