Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aretino oder Dialog über Malerei
Person:
Dolce, Lodovico Eitelberger von Edelberg, Rudolf Cerri, Cajetan
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398997
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1400431
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sehen, dass dadurch Armuth des Talentes oifenbar werden möchte. Und man 
bemerkt, dass er seinen edeln "Geschmack immerdar nach den Bedingnissen 
und nach der Natur der Stofle, da es andere Falten sind, welche dem rauhen 
entsprechen, und andere, Welche dem Ormesin 1). Obgleich ferner das Ge- 
wand an manchen Stellen das darunter beßndliche Körperliche andeuten soll, 
so darf man doch nicht in das fehlerhafte Extrem verfallen, dass die Stoffe 
an das Fleisch angeheftet scheinen. Ich setze hinzu, dass Rafael betreffs der 
Korperverliiiltnisse (worin das Ganze der Kunst durchaus beruht) stets ein 
solches Maass angewendet hat, dass daran nichts zu wünschen überbleibt. 
Denn er fehlt nie durch allzugrosse Schlankheit, auch sind andrerseits seine 
Figuren nicht zurergenhaft oder dick oder allzu ileischig; desgleichen haben 
sie nichts trockenes oder dürftiges, und man gewahrt, was des Malers höch- 
stes Lob ist, an allen die Sorgfalt und Liebe eines Vaters. Alles ist wohl 
verstanden, alles wohl überlegt und bewegt sich in seinen Grenzen. Nie aber 
malte er Knall und Fall oder aus der Praxis, sondern immer mit grossenw 
Studium und hat dabei immer zwei Ziele im Atlge: erstens, die schöne 
Manier der antiken Statuen nachzuahmen, zweitens mit der Natur in Wett- 
streit zu treten, so zwar, dass er beim Betrachten der wirklichen Dinge, von 
deren schönster Erscheinung in seinen Werken die höchste Vollkommenheit 
gesammelt zeigte, welche im wirklichen selbst nicht vorkommt. Denn es er- 
theilt die Natur einem Körper nicht ihre sämmtlichen Schönheiten; sie aus 
vielen zusammenzunehmen ist schwierig; sie dann zu vereinigen, in Einer 
Figur, so dass sie nicht unharmonisch scheinen, das ist schier unmöglich. 
Wir dürfen nun glauben, dass es bei den Alten Phidias, Apelles und die 
übrigen berühmten Meister vollbracht haben, wie uns an mehreren Stellen 
Cicero bezeugt. Und wenn Zeuxis zum Entwurfe seiner Helene sich fünf 
Mädchen bediente, wer zweifelt dann, dass er viele Theile von ausgezeich- 
neter Schönheit hinzufügte, die sich an ihnen nicht gefunden haben? 
Aber um auf Rafael zurückzukommen, so sind bei ihm nebst den bis- 
her angeführten Dingen Gemälde selten, auf welchen man nicht ein schönes 
Bauwerk oder eine perspectivisch gehaltene Partie erblickte, was überaus 
erfreulich ist. Was die Ertindting anbelangt, so ist sie immer eine solche, 
dass man glauben muss, die Wirklichkeit hätte den Vorgang nicht besser zur 
Anschauung gebracht, und auch auf keine andere YVeise. Was das Colorit 
betrifft, so wage ich zu behaupten, dass darin Rafael alle die, welche jemals 
in Rom und ganz Italien gemalt haben, weit hinter sich liess; davon liefern 
sicheren Beweis die vielen von ihm gemalten Porträts und alle Malereien von 
seiner Hand. Ware aber Jemand, der in anderm Sinne reden würde, so ist 
es einer, den Neid erfüllt, oder er gehört zu Jenen, welche eine gewisse kin- 
dische Buntheit der Farben hoher schätzen als Kunst, wie das schon bei 
Pabst Sixtus der Fall warz), welcher mehrere Historicn einigen vortreftlichen 
Meistern aufgetragen hatte, unter denen einer war, der wenig verstand. Als 
nun die Gemalde fertig waren, hielt er die Arbeit des unwissenden Malers 
1) Ist ein weicher, geHammter Seidcnzexxg. 
z) Vasari, im Leben des Cosimo Roselli. 
Quellenschrifren f. Kunstgeschichte etc. II.
        

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