Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aretino oder Dialog über Malerei
Person:
Dolce, Lodovico Eitelberger von Edelberg, Rudolf Cerri, Cajetan
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398997
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1400414
unserer Tage sprechen, pflege ich zu sagen, dass mir die Arbeiten des Rafael 
von Urbino weit mehr zusagen, als jene des Michel Angele. Und dieses aus 
vielen Ursachen, über welche ich hier einiges aufzuzeichnen gewillt bin. Aber 
ich werde nicht wagen unter Menschen von Verstand zu behaupten, dass Michel 
Angele, soweit es sich um eine gewisse Kühnheit und das Gewaltige in der 
Zeichnung handelt, nicht zweifellos die Palme über so viele Maler erreicht 
habe, die seit langer Zeit gelebt haben. Dcsswegen pries ihn nicht ohne Grund 
der ruhmwürdige Ariost: 
"Michel, piü che mOrtal Angel divino."   
("Michaeh ein göttlicher Engel mehr, ilenn ein Sterblichen") 
Hiezu bemerke ich aber ebenso, dass so, wie man sich für den ge- 
falligen Styl der Schriften und alle Angelegenheiten des Menschen einer ge- 
wissen massvollen Weise bedienen muss, und eines gewissen überlegten Ge- 
ziemens, ohne das jegliche Sache der Grazie entbehrt, und nicht wohl stehen 
kann,  so auch in der Malerei, nach meinem Urtheil dasselbe nicht weniger 
verlangt werde. Hat daher der Maler einen Menschen darzustellen, so muss 
er nothwendigerweise mannigfache Verhältnisse und verschiedene Handlungen 
von Menschen vereinen, die unter sich keine Aehnlichkeit besitzen. Obwohl 
es nun viel kunstreicher ist, gewaltige Menschen oder solche vom Körperbau 
der Riesen zu malen als sanfte und gewöhnlich beschaifene, so folgt daraus 
doch nicht, dass der Maler, dessen Bestimmung es ist, die Natur nachzu- 
ahmen, fortwährend dasjenige darstellte, was die Natur entweder niemals oder 
doch selten hervorzubringen pfiegt. Denn obschon es keine Fabel ist. dass 
es Giganten gegeben hat, von welchen, ausser Demjenigen, was man davon 
in den griech. und latein. Geschichten liest, auch die h. Schrift Zeugniss 
gibt, so waren sie doch nur zu gewissen Zeiten und zwar selten, so wie der 
h. Augustin schreibt, dass kurz vor dem Einfall der Gothen in Italien, in Rom 
ein Weib von riesenhafter Grösse gewesen sei und Ursache ward, dass, um 
sie zu sehen, die Menschen von allen Seiten zusammenliefen, wie zu einer 
Merkwürdigkeit oder einem Wunder der Natur. Und Dante (Inferno XXXLl 
sagt merkwürdigerweise über so beschattene Menschen mit Abscheu: 
"Natura certo, quanclo lacciö 
l)i si Fatti animali, assai re bene. 
Per torre tali esecntori a Marte." 
"Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche 
Dergleichen Wesen schafft, so thut sie recht, 
Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche." 
Dennoch soll der Maler, als Nachahmer und Nebenbuhler der Natur, 
diejenigen Formen, welche die Natur selbst verachtet, nicht für die schöneren 
am Menschen halten. Und sowie dem Auge unter den allerschönsten Werken 
das wertheste und annehmlichste die Mannigfaltigkeit ist, so muss der Maler 
sich bestreben, in seinen Arbeiten abwechselnd zu sein; ist er das nicht, so 
vermag er nicht vollends zu erfreuen. Sehet nun, 0b dieser Umstand, so noth- 
wenclig er ist, sich in den Schöpfungen Michel Angelds findet, bei welchem 
alle Figuren, die er macht, gross, schrecklich und ungeheuerlich sind. Ihr 
werdet sagen, dass die Abwechslung in den Bewegungen liegt, welche alle
        

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