Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aretino oder Dialog über Malerei
Person:
Dolce, Lodovico Eitelberger von Edelberg, Rudolf Cerri, Cajetan
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1398997
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1400409
Anzeichen der Furcht, die sie in ihrem Herzen über das tinselige Ende des 
Jünglings vorausempfindet, dass man glauben muss, so müsse er gewesen 
sein, wenn jemals Venus denselben zeigte. Und wenn die Venus, die dem 
Meere entsteigt, welche von Apelles gemalt und von den alten Dichtern und 
Schriftstellern mit soviel Ruhm erhoben wurde, nur die Hälfte der Schön- 
heit besessen hat, welche man an dieser wahrnimmt, so war sie solchen 
Lobes nicht unwürdig. Ich schwöre Euch, mein Herr, dass es keinen Menschen 
von so scharfen Blicken und Geschmacke gibt, der bei ihrem Anblicke sie 
nicht für lebendig hielte; keinen, welcher von den Jahren so kalt geworden 
oder so harter Natur wäre, dass er nicht alles Blut in den Adern erwärmen 
und wallen fühlte. Wenn eine Statue von Marmor so mächtige Wirkung 
haben konnte, dass sie mit den Reizungen ihrer Schönheit in das Mark eines 
Jünglings eindringen konnte, in Folge dessen er sie verunreinigte,  wie 
müsste der Einiiuss von dieser sein, welche von Fleisch, die Schönheit selbst 
und zu athmen scheint 1)?  
Man sieht ferner auf demselben Gemälde die Skizze von einer Land- 
schaft von der Art, dass die wirkliche nicht von solcher Wahrheit ist. 
Daselbst ist auf der Spitze eines Hügels in nicht grosser Entfernung ein ganz 
junger Cupido, im Schatten schlafend, der ihm rückwärts auf den Kopf fällt. 
Rings um sich hat er Schimmer und Sonnenglanz von wunderbarer Schön- 
heit, welche die ganze Landschaft erleuchten und erhellen. 
Aber all" das, was ich mit grosser Mühe gesagt habe, ist nur eine 
geringe Nachricht im Verhältniss zu der Göttlichkeit dieser Malerei (denn 
ein anderes Wort ist nicht zulässig). Hier soll es genug sein, dass es von 
Tiziarfs Hand und für den König von England ist. Ihr, mein Herr, möget 
mich zuweilen der liebenswürdigen Früchte Eures edelsten Ingeniunfs werth 
halten, welches Ihr, im Vereine mit Euren wissenschaftlichen Kenntnissen, 
zu einer Zier ausgesuchter und lobwürdiger Tugend verbindet. Möget Ihr 
wohl sein. 
LODOVICO 
DOLCE 
AN 
MESSER 
GASPERO 
BALLINI. 
BotLm-i 
166 aus den Lettere di diversi eccellentissimi Uomini 
apresso Gabriel Giolito 155g. 8". a carte 472,) 
Venezia, 
Zu jeder Zeit, wenn es sich unter uns begibt, dass wir zur Unterhal- 
tung oder sonstigem angenehmen Zeitvertreib von den ausgezeichneten Malern 
1) Es wäre ungerecht, wenn man den Autor allzu rigoristisch über diesen Passus Vor- 
wiirfe machen wollte. Derselbe kommt nicht auf seine Rechnung, sondern ist eine antiqua. 
risch-literarische Reminiscenz, welche damalsjn Folge der classischen Studien so allgemein 
zur Beurtheilnng von Kunstwerken benützt wurde, als die Anecdoten von Apelles und 
Zeuxis. Sie beruht auf einer Anecdote über eine Venus des Praxiteles. erscheint bereits im 
Poliphihs Hypnerotnmachia (2. Hälfte des I5. Jh.) und ist selbst in Schriften von Ungelehrten 
übergegangen. wie das Volksbnch vom Zauberer Virgilins u. a.
        

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