Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1619230
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Etrurien. 
Es liegt nahe diese Facadenreste zur Darstellung des etrurischen 
Tempels zu benutzen, da doch die Gestalt dieses einer derartigen 
Gräberfronte unzweifelhaft zu Grunde lag. Allein es scheinen sich hier 
schon Elemente eingeschlichen zu haben, welche nicht zum ursprüng- 
lichen Wesen etrurischen Styles gehören dürften, und man wird daher 
sicherer gehen, die Grabfacaden von Norchia zur Betrachtung des tus- 
kischen Tempels, der von dem dorischen Steintempel noch mehr Ab- 
weichungen zeigte, nur secundär heranzuziehen. Schon der Tempelplan 
War ein von dem hellenischen ganz verschiedener. Denn statt einer im 
Vergleich mit der Breite (Fronte) ungefähr doppelten Länge, wie wir 
sie dort gefunden, verhält sich hier die Breite zur Länge wie 5 : 6. Fer- 
ner bildete die Cella nicht das Innere, um welches sich dann ein Säu- 
lenkranz herumzog, sondern die Cella nahm die hintere Hälfte des Areals 
in Anspruch, während die vordere Hälfte als Säulenvorhalle offen blieb: 
endlich gruppirten sich gewöhnlich drei Cellen mit verwandten Gott- 
heiten zusammen, wobei jedoch die mittlere räumlich und dem Culte 
nach im Uebergewichte war, oder es zogen sich neben einer Cella noch 
Säulenreihen an den beiden Seiten hin; in jedem Falle aber wurde die 
ganze Rückseite durch eine Wand abgeschlossen, womit auf eine künst- 
lerische Wirkung der letzteren verzichtet ward und das Anlehnen der- 
selben an eine Felswand oder an eine Umfrieclung sich als zweckmässig 
empfahl.  
Tritt uns in dieser Disposition im Vergleich mit der hellenischen 
eine vollständige Selbständigkeit entgegen, so kann dieselbe keines- 
wegs auch für die Bestandtheile des Aufbaues, für die architektonischen 
Glieder, in Anspruch genommen werden. Denn die etrurische Säule ist 
der dorischen verwandt, wenn auch die Verschiedenheiten derselben 
von jener, so wie sie an den erhaltenen Steinbaudenkmälern auftritt, 
in Folge des Beharrens bei dem Holzgebälke wie geringeren Verständ- 
nisses für künstlerische Verhältnisse sehr bedeutend sind. Sie besitzt 
nemlich im Gegensatze zur basenlosen dorischen Säule eine Basis, welche 
aus einem kreisförmigen Plinth und einem Torus, beide von gleicher 
Höhe, besteht; das Capitäl aber erscheint aus drei gleichhohen Theilen 
gebildet, von welchen die beiden oberen, Echinus und Platte, dem do- 
rischen ziemlich nahe stehen, während der dritte unterhalb, der Säulen- 
hals, welcher in dem griechischen Vorbild nur durch leichte Einkerbung 
sich vorn Säulenschafte abtrennt, über deren Entstehung oben (S. 19g) 
gehandelt worden ist, sich durch einen Rundstab vom Schafte absetzt, 
und so das dort tektonisch Begründete zur sinnlosen Decoration ver- 
kehrt. Der wahrscheinlich nicht canellirte Schaft erhebt sich in einer
        

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