Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1618547
Plastik. 
Polyklet. 
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mischen Richtung auch selbst vielleicht zu sehr abhängig war, wie diess 
aus Plinius, einen leisen Tadel enthaltenden Worten, seine Werke seien 
nfaSt wie nach einem Modelle, hervorgehen dürfte. Wenn indess nach 
des Künstlers wie nach allgemeiner Ueberzeugung der Doryphoros die 
absolute menschliche Körperschönheit darstellte, so musste wohl der 
Meister bei dem Modell verbleiben, das er höchstens in Stellungen 
einigermassen variiren konnte, wenn er nicht seinem Streben nach voll- 
kommener Schönheit, wie sie Cicero an allen seinen Werken rühmt, 
untreu werden wollte. Wir dürfen uns also den sog. Apoxyomenos, 
einen Athleten, der sich mit dem Schabeisen reinigt (vgl. dieselbe Dar- 
stellung von Lysippos (Fig. 188) als eine ganz ähnliche Paradegestalt 
vorstellen, wenn sie auch zunächst nicht den Schulzweck hatte, wie der 
Doryphoros. Doch scheint ein drittes Werk, der zuweilen als ein Ge- 
genstück des Doryphoros bezeichnete Diadumenos (ein sich die Stirn- 
binde umlegender Jüngling), in minder athletischer F ormenentwicklung 
hergestellt gewesen zu sein, wenn wir anders in den; Bezeichnungen 
eines nmannhaften Knabena für den Doryphoros und eines nweichen 
Jünglingsu für den Diadumenos einen Unterschied suchen dürfen. 
Auch zum Zweck der Herstellung einer kräftig entwickelten Frauen- 
gestalt in kanonischer Schönheit musste dem Künstler das Programm 
einer ruhig stehenden Amazone vollkommen entsprechen. Es ist daher 
ebenso begreiflich als glaublich, dass die Amazone Polyklefs in der 
Concurrenz mit Phidias, Kresilas und Phradmon die Palme errang, was 
ihm schwerlich gelungen wäre, wenn es sich um die Gestalt einer Göttin 
oder um eine lebhaft bewegte Darstellung gehandelt hätte. Noch mehr 
konnte der Künstler seine akademischen Ziele mit den zwei Kanephoren 
(Korbträgerinnen) verfolgen, deren ruhige Stellung und Inhaltslosigkeit 
so recht geeignet waren, die äussere formale Schönheit vollkommen 
regelrecht zur Anschauung zu bringen. Und nach alledem dürfen wir 
wohl auch die Bedeutung der Astragalizontes (der mit Knöcheln wür- 
felnden Knaben) , des nach Plinius vollendetsten Kunstwerks Griechen- 
lands, nicht etwa in der gespannten, frappanten Situation, oder in 
der murilloartigen Naturwahrheit einer Gassenscene, sondern in der 
vollendeten Knabenschönheit, in den Typen absoluter Formvollendung 
auch für dieses Alter suchen. 
Wenn Quintilian sagt, dass "Polyklet die Schönheit der mensch- 
lichen Gestalt über alle in der Natur erscheinende hinaus gesteigert, im 
Gegensatz zu Phidias aber die Majestät der Götter nicht erreicht habe, 
so folgt schon daraus, dass die Arbeiten Polyklefs im Gebiete der 
Göttcrdarstellungen Seinem Wesen nicht so vollkommen entsprachen.
        

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