Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1618439
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Hellas. 
Also sprach und winkte mit (lunkelen Brauen Kronion 
Und die ambrosischen Locken des Königs walleten vorwärts 
Von dem unsterblichen Haupt, und es hebten die Höh'n des Olympus. 
Dass Phidias sein Vorbild erreicht, bestätigte seine Zeit und die 
Nachwelt, so lange sie Gelegenheit hatte, das Wunderwerk zu schauen. 
Ja die Gottheit selbst soll es gebilligt haben; denn als nach einer schönen 
Legende der Meister bei Vollendung des Werkes um ein Zeichen des 
Wohlgefallens vom Himmel gefleht, soll ein Blitzstrahl durch das Hyp- 
äthron des Tempels gezuckt und an der Stelle in den Tempelboden 
geschlagen haben, welche späterhin durch einen schwarzen Stein be- 
zeichnet war.  
Wenn aber durch das ganze Alterthum das Gefühl ging, der olym- 
pische Zeus des Phidias sei das grossartigste und ein wahrhaft göttliches 
Kunstwerk, welches nicht gesehen zu haben als ein Unglück zu beklagen 
sei, dessen Anblick aber Sorgen und Schmerzen erquickend von der 
Seele nehme, so müssen wir. statt auf die declamatorischen Lobes- 
erhebungen der Alten im Einzelnen einzugehen, vielmehr suchen, uns 
der Vorzüge bewusst zu werden, durch welche dieselben gerechtfertigt 
waren und welche zugleich das Charakteristische des Meisters bilden. 
Dass wir uns vor Allem jede alterthümliche Befangenheit, wie sie noch 
bei einem Ageladas oder Kalamis geherrscht haben muss, überwunden 
zu denken haben, ist klar. Aber auch vollständige, nicht blos alle 
bisherigen Resultate zusammenfassende, sondern nahezu absolute Form- 
correctheit verbunden mit einer nie vorher gesehenen idealen d. h. über- 
erfahrungsmässigen Schönheit, konnten noch nicht die höchsten Be- 
wunderungsgründe sein, obwohl beide namentlich in Anbetracht der 
enormen Schwierigkeiten, welche die chryselephantine Technik im Treiben 
des Goldblechs, im Bereiten, Schaben und Fugen des dem Meissel un- 
zugänglichen Elfenbeins und endlich in der Befestigung am Holzkern 
entgegensetzte (Quatremere de Quincy), nicht gering zu schätzen sind. 
Das Wesentliche lag eben in der grossartigen, sich in wahrhaft gött- 
lichen Idealen verkörpernden Idee, welche sich der menschlichen Formen 
nur als der Worte bediente, mit denen der erhabene Gedanke zum Aus- 
druck gebracht wurde. Der Meister hatte sich das höchste Ziel gesetzt, 
nemlich den Gottesbegriff in höChStCr Steigerung, wie er in Athene, der 
Göttin des Geistes, und in Zeus, dem König der Götter, vorlag, zur 
Anschauung zu bringen. Daher die grosse Zahl von" Athenen, welchen 
sich Aphrodite Urania, die grosse whimmlischea Göttin, das weibliche 
Princip im Weltall, anschliesst; daher die geringe Zahl menschlicher 
oder heroischer oder untergeordnet göttlicher Darstellungen, in welchen
        

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