Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1618390
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position einige Anschauung. Welch fesselnde Wahrheit in dem Schwung 
der Scheibe, in dem sprungfertigen Vorniibergebeugtsein des athleti- 
sehen jünglingskörpers, in Kopf und linkem Arm, welche dem Diskos 
gleichsam den Weg vorauszeigen, in dem Einkrallen der Zehen des 
einen und dem Nachschleifen des anderen Fusses, Alles so bezeichnend 
für den Moment des Wurfes oder richtiger für den unmittelbar voraus- 
gehenden Augenblick, wie wir es selbst jetzt noch an dem Gestus eines 
geschickten Kegelspielers im Momente des Abschleuderns der Kugel 
beobachten können. Und doch steht selbst die beste uns erhaltene Co- 
pie, die jetzt im Palazzo Massimi alle Colonne befindliche (Fig. 17g), 
dem Bronzeoriginale gewiss in jeder Beziehung weit nach. 
Wahrscheinlich war es auch die lebendige Bewegung, welcher die 
von zahlreichen Epigrammen, von denen selbst wir noch nicht weniger 
als sechs und dreissig besitzen, gefeierte Kuh des Myron ihren Ruhm 
verdankte. Denn die einheitlich und lückenlos durch das Ganze durch- 
geführte und wie einem Moment entsprechende so auch auf ein Ziel ge- 
richtete Bewegung verleiht allein den Ausdruck des Lebens, der an den 
Werken des Meisters hervorgehoben wird und z. B. den Petronius ver- 
anlasst, den Myron mit den Worten zu feiern, dass er bei Menschen- 
und Thierdarstellungen deren Lebensodem in das Erz eingeschlossen 
habe. Und wenn Plinius sagt, der Meister habe die Natur vervielfältigt, 
so will er damit nichts Anderes bezeichnen, als er habe sie in seiner 
Kunst so erreicht, dass sie gleichsam als zweite Natur betrachtet wer- 
den konnte. 
Alle die genannten Meister von Aegina, Athen, Sikyon, Argos, 
Rhegion u. s. w. gehören der Grosszeit Griechenlands, der Periode der 
Perserkriege 490-450 V. Chr. an, in welche Zeit wenigstens ihr spä- 
teres Alter, wenn nicht auch wie wahrscheinlich bei Myron, der ein 
Schüler des Ageladas war, deren Jugendblüthe fiel. Die unvergleichlich 
grossartige und erfolgreiche Erhebung dieser Periode, welche einen so 
herrlichen Aufschwung des gesammten hellenischen Lebens im Gefolge 
hatte, musste auch in der Kunst wesentlich fördernd sein, und zwar 
umsomehr, als die Verwüstung des Krieges wie die nachfolgende Be- 
reichcrung der Sieger Gelegenheit und Mittel zu monumentaler Thätig- 
keit in Fülle bot. Welchen Einfluss diess auf architektonische Thätig- 
keit hatte, ist schon im vorausgehenden Abschnitte erörtert worden; 
dass aber mit der Bauthätigkeit die bildnerische Hand in Hand ging, 
versteht sich von selbst; denn die Prachttempel brauchten ihre Götter- 
bilder, ihre Giebelfeldgruppen, Metopenreliefs und Friese, wie nament- 
lich auch ihre Ausstattung an plastischen Weihegeschenken, zu welchen
        

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