Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1618337
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Hellas. 
wie der oder die Meister des Westgiebels in der alten Schule so befan- 
gen waren, bezeichnet worden sind. 
In merkwürdigem Contraste mit der herrlichen und formell fast ta- 
dellosen Behandlung der Körperformen in den verschiedensten Stellun- 
gen und Bewegungen der Giebelßguren stehen aber zwei Dinge, welche 
sehr bezeichnend sind für die Gränze des künstlerischen Könnens und 
WVollens, nemlich sämmtliche Köpfe und die beiden Athenen. Die er- 
steren nemlich sind ohne ideale Schönheit und ohne entsprechenden 
Ausdruck, offenbar der Theil, welchem der Künstler sich noch am we- 
nigsten gewachsen fühlte und den er daher bescheiden nach einer ge- 
wissen Formel her-stellte, wobei das scheinbare Lächeln, durch die zu 
stark aufwärts gezogenen Mund- und äusseren Augenwinkel hervorge- 
bracht, gewiss als absichtslos "und lediglich aus dem älteren Styl über- 
kommen zu betrachten ist. Auch sind die Augen noch zu vorgequollen 
und das Kinn noch zu spitz und klein, Unschönheiten, in denen eben 
frühere Traditionen noch nicht überwunden waren. Die Athene aber 
zeigt, wie spröde das Cultbild sich gegen die Fortschritte der übrigen 
Plastik verhielt, um den traditionellen Typus so wenig als möglich zu 
alteriren. Hatte der Künstler bei den übrigen Figuren lebende Modelle 
vor Augen, so schwebte ihm hiefür das Tempelbild vor, vielleicht so, 
wie es der äginetische Tempel selbst enthielt. Dadurch erklärt sich die 
gegen die übrige Gruppe so empfindlich contrastirende steife Haltung 
und strenge Gewandung der Athene jedenfalls natürlicher, als durch 
die Annahme, dass nach der Auffassung des Künstlers die Göttin keiner 
wirklichen Action bedarf, um ihren Zweck zu erreichen und dass eine 
leise Hebung des Schildes als ein göttliches vBis hieher und nicht wei- 
tem für ihre übermenschliche Macht genügte, um den Gefallenen zu 
schützen. Die ungeschickte Verdrehung der Beine aber, welche wohl 
weniger auf Raumbeschränkting wie auf dem Anlehnen an ein alter- 
thümlicheres Cultbild beruht, war von dem Künstler um so getroster 
zu wagen, als sie von unten Niemand gewahren konnte. Dass aber die 
Meister in liebevoller Hingabe an ihre Aufgabe sonst minder, als wir 
gewohnt sind, auf den letzteren Umstand sündigten, erhellt daraus, 
dass die Körper durehgehends auch auf der Rückseite, welche doch seit 
der Aufstellung bis zur Wiederaufiindung und Aufnahme in einem Mu- 
seum nicht gesehen werden konnte, fast ebenso vollständig wie auf 
der Vorderseite ausgeführt und durchgebildet sind. Der Eindruck des 
Ganzen endlich wird noch wesentlich beeinüusst durch die Einfügung 
von Bronzetheilen, wie Lanzen, Wehrgehänge mit Schwertern, Bogen, 
Pfeile, Gorgoneion und Schlangen an der Aegis der Athene u. s. w.,
        

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