Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1618292
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Hellas. 
Griechenland an Wahrheit und Schönheit übertrifft. Der einzige erhal- 
tene Kopf eines auf den Tod verwundeten und hingestreckten Giganten 
aber (Fig. 177) lässt trotz der alterthümlichen Strenge der Gesichtsfor- 
men und der Haarbehandlung doch schon ein Streben nach Ausdruck 
entdecken, das wenn auch keineswegs gelungen doch alle Anerkennung 
verdient. Weit weniger bemerkenswerth scheint ein freilich nur in un- 
genügenden Abbildungen bekanntes, wahrscheinlich von einem unter- 
italischen Künstler stammendes Relief aus Aricia, das sich jetzt in Palma 
auf der Insel Mallorca benndet. Die Ermordung des Aegisth durch 
Orestes darstellend, zeigt es sich nicht blos schwach in der Composition, 
sondern auch ungleich in dem übrigen Vermögen seines Urhebers, in- 
dem namentlich die unbeholfene Gewandbildung empfindlich hinter der 
Behandlung des Nackten zurücksteht. 
Ehe wir nun dazu übergehen die Kunststätten und Künstler nam- 
haft zu machen, welche die Entwicklung über die dargestellte Stufe hin- 
aus förderten, muss noch einer Klasse von Denkmälern gedacht werden, 
die numerisch sehr bedeutend ist. Das Alterthümliche übte bekannt- 
lich zu allen Zeiten einen gewissen Reiz aus, entweder als etwas Fremd- 
artiges und zu dem Bestehenden Gegensätzliches durch Vergleichung 
anregend oder durch die Ehrwürdigkeit und Erprobtheit des Alters auf 
das religiöse Gefühl wirkend. Wenn nun ein altes Cultbild, an welches 
sich mancherlei Sagen knüpften, wie selbst noch heutzutage, gleichsam 
als altbewährt eine grössere Verehrung genoss, so lag es nahe, den Ty- 
pus desselben auch gegen besseres Vermögen zu bewahren. Dadurch 
entstanden die nachgeahmt alterthümlichen, sog. archaistischen Werke, 
wie man sie neben den archaischen (wirklich alten) zu nennen pflegt. 
Später wurde dieser Imitationsstyl sogar Modesache, und wenn ein 
Liebhaber wie Kaiser Augustus in der Lage war sich die alten Werke 
eines Bupalos und Athenis im Original zu verschaffen, so mussten an- 
dere Alterthumsfreunde aus der Kaiserzeit sich mit Copien oder über- 
haupt alterthümlich stylisirten Werken begnügen. Nicht immer sind 
nun diese mit Sicherheit von den wirklich alten zu unterscheiden, wie 
diess ja bei allen Imitationen auch jetzt der Fall ist; in der Regel aber 
geben stylistische, technische oder gegenständliche Anachronismen 
leichte Kriterien an die Hand. Wenn z. B. ein römisch-korinthischer 
Tempel im Hintergrunde erscheint, wie an einem Relief, auf welchem 
Nike dem von Artemis und Leto gefolgten Apollo Kitharödos die Schale 
füllt, oder wenn Kopf und Extremitäten, wenn Ausdruck, Gestus und 
Schritt, der sich an den alten Werken durch das Auftreten auf beiden 
Sohlen charakterisirt, eine viel spätere Periode anzeigen, als das alter-
        

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