Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1617835
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Hellas. 
Kanephoren genannt hat. Woher aber deren Name Karyatiden stammt, 
dürfte schwer zu sagen sein, jedenfalls nicht von dem Anlass, den V i- 
truv berichtet, als hätten die aus dem zerstörten peloponnesischen 
Karya in die Sklaverei abgefühiten Frauen das Motiv geliefert, wofür 
sowohl der geographische wie der geschichtliche Beleg fehlt. Aus dem 
Körbe der Kanephoren hat sich ein echinusartiges Capitälglied mit Eier- 
stab und Astragal sammt Abakus entwickelt. Im Gebälke aber fehlt in 
richtiger Würdigung des Umstandes, dass die flache Decke nur zwei 
Gebälkglieder voraussetzt, der Fries; dafür tritt im Kranzgesimse hier 
ausnahmsweise der Zahnschnitt auf , der sich nun auch an gehöriger 
Stelle befindet. Dieselbe tadellose Schönheit, wie wir sie an allen Or- 
namenten finden, zeigt sich auch und zwar in grossem Reichthum an 
den Resten der Thürgewandungen. 
Sind Monurnentalbauten des ionischen Styls schon in Attika ver- 
hältnissmässig spärlich, so ist diess natürlich in erhöhtem Maasse der 
Fall, je mehr sich gegen Westen überhaupt die ionischen Elemente in 
der dorischen Bevölkerung verloren, Wo wir jedoch Ionisches finden, 
stammt es zumeist aus attischer Schule, deren Einfluss wir auch an der 
römisch-ionischen Ordnung nicht verkennen können. Dass in Italien, 
nachdem die Römer überhaupt das beiderseitige Hellas kannten und 
besassen, das Ionische wieder häufiger wird, liegt in der eklektischen 
Allseitigkeit der weltbeherrschenden Roma. Wie sich jedoch diese Uni- 
versalerbin die leichte und brauchbare Schablone daraus Zuschnitt, wer- 
den wir später zu betrachten haben. 
Dem ionischen Styl ward in pCl'il{l6lSCl1Cl' Zeit eine fremde und 
eigenthümliche Zierblume aufgepfropft, welche dadurch den Charakter 
des Ganzen wesentlich veränderte, dass sie sich an der charakteristi- 
schesten Stelle entfaltete, nemlich am Capitäl. So lange wir von rein 
griechischer Architektur sprechen, darf diese sogenannte vkorinthi- 
SChEu Neuerung, die sich eben nur im Capitäl bemerklich macht, nicht 
einmal als Säulenordnung, geschweige denn als Styl den beiden helle- 
nischen Stylen, dem dorischen und dem ionischen, gegenübergestellt 
werden, und muss lediglich als Varietät sich dem Ionischen anschliessen. 
welches auch zunächst in allem Uebrigen unverändert verbleibt. Das 
neue Capitäl wird als eine Erfindung des Kallimachos, der allerdings in 
der Prachtlampe des Erechtheions ein tektonisches Analogon geschaffen. 
bezeichnet, was wohl in so ferne seine Richtigkeit haben kann, als der 
Künstler gerade in tektonischen Prunksachen hervorragte und so auch 
dem neuen Versuch eine gewisse Autorität verliehen haben mochte: 
kaum aber hinsichtlich der von Vitruv erzählten Erfindungsgeschichte,
        

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