Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1617348
Architektur. 
Die dorische Säule. 
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Werke nicht gesehen, oder absolut verabscheut hätten, um dann aus 
eigener Erfindung auf dasselbe Ziel hinauszukommen. Es wäre viel- 
mehr schwer zu begreifen, wie der bildungsfahige Hellene beharrlich 
jede Belehrung von einem ihm in den ersten Jahrhunderten nach dem 
troianischen Kriege an tektonischer Entwicklung weit überlegenen Nach- 
barvolke hätte zurückweisen sollen. Wenn man aber zu Bolymnos acht- 
kantige Pfeilertrommeln und in Trözene achtkantige Säulen fand, so 
kann diess noch kein Beweis sein, dass man in Griechenland dieselbe 
Schaftentwicklung wieder durchmachte, wie wenigstens fünfzehn jahr- 
hunderte vorher in Aegypten. 
Dagegen war es dem griechischen Genius, der schon in seinen ein- 
fachsten Werken da selbständig eintrat, wo die nachbarlichen Vorbil- 
der sich mangelhaft entwickelt hatten, unmöglich, sich auch mit der 
Bekrönung zu begnügen, wie sie z. B. die sog. protodorischen Säulen 
von Benihassan zeigen. Das Auflegen einer schlichten Platte auf das 
obere Schaftende konnte ihm nicht genügen, da diese noch einen un- 
gelösten Contrast zwischen der verticalen Linie des hohen Säulenschaf- 
tes und der langen Horizontale des Gebälks übrig liess, welcher jedem 
Betrachter der Benihassan-Grabfagaden schneidend entgegentreten 
muss. Es bedurfte am Punkte des Zusammenstosses eines contrastmil- 
dernden Mittelgliedes, welches die Verticale mit der Horizontale ver- 
söhnend von der erstem zur zweiten überführte, und dazu war unbedingt 
ein ausladender Körper der berufenste, dessen Profillinie ungefähr der 
Diagonale eines über seiner Höhe oder über der ganzen Säulenhöhe 
beschriebenen Quadrates entsprach. Es scheint darin eine Art von ästhe- 
tischem Gesetz zu liegen, von welchem die Griechen schon frühzeitig 
das Gefühl haben mussten. Behielt man ausserdem die Deckplatte bei, 
so folgte man, wenn nicht dem ägyptischen Vorbilde, so doch dem 
Drang nach Mittelgliedern, da ja mit diesem Plinth ebenso der Ueber- 
gang von der Kreisfläche des Schaftes zu dem Oblongum des Gebälks 
ausgesprochen war, wie durch das darunter befindliche Ausladungsglied 
(Echinus) der Uebergang von dem geringen Schaftdurchmesser zu der 
grösseren Decke des Gebälks, und von der Verticalen zur Horizontalen. 
Es scheint jedoch nicht lange bei der schlichten geradlinigen Aus- 
dadungsform des Echinus geblieben zu sein, wie wir sie z. B. an Stelen- 
säulen der brauronischen Artemis auf der Akropolis in Athen, nach In- 
schriften von hohem Alter, finden, indem derselbe bald jene schwel- 
lende Polsterform erhielt, welche zu den wesentlichsten Charakteristiken 
der dorischen Architektur gehört. Auch der dieser Bildung zu Grunde 
liegende Gedanke ist nicht völlig klar; doch dürfte der eines federnden, 
RKBER. Geschd. a. Kunst. 1 3
        

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