Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstgeschichte des Alterthums
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1614812
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1617131
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Hellas. 
o. jahrh. v. Chr. uns in einer Höhe zu denken, welche die älteren Cul- 
turvölker wie die Aegypter und Chaldäer kaum jemals erreichten, denn 
so phänomenartig auch die Erscheinung jener Epen gewesen sein mag, 
so konnten sie doch nicht so hoch über ihrer Zeit stehen, dass diese, 
welche sie doch offenbar nur in verklärtem Lichte spiegeln, sie nicht zu 
begreifen und zu geniessen fähig gewesen wäre. Mit dieser geistigen 
Höhe steht jedoch die der bildenden Kunst im seltsamsten Contraste, 
und zeigt diese von der Poesie bei weitem überflügelt; denn wenn auch 
gewisse tektonische, textile undgkeramische Leistungen (Holz- und 
Bronzegeräth, Webstoffe und Thonwaaren) nicht unbedeutend gewesen 
sein mögen, erscheint doch das Beste ausgesprochener Massen als Im- 
port von asiatischen Culturländern ; grössere Dinge aber, wie nament- 
lich Architektonisches, entweder in hohem Grade urwüchsig oder, wenn 
das eigene ungeschulte Vermögen nicht zu genügen schien, in einer 
nach Styl und. Technik offenbar fremdländischen Weise verziert. Die 
homerischen Gesänge wissen noch nichts vom Säulentempel, nichts von 
künstlerischen Götterbildern, nichts von einer der Bedeutung der fürst- 
lichen Heroen angemessenen Behausung. In viel späterer Zeit noch 
konnte sich ein Spartaner, der gewohnt war mit Säge und Axt seine 
Hütte selbst aufzurichten, wundern über rechteckig behauene Balken der 
Decke, welch" letztere er nur in dem Stangenholz hergestellt kannte, wie 
wir es z. B. an lykischen Blockhausgräbern nachgebildet gefunden haben. 
So dürfen wir uns selbst die Paläste der Könige denken, von wel- 
chen der Sänger der Odyssee in der Beschreibung des Königshauses 
auf Ithaka eine so anziehende Vorstellung gibt, wobei wir uns allerdings 
nach neuerer Forschung nicht mehr auf die unzuverlässige Localuntersu- 
chung Gell's beziehen dürfen. Das Ganze mochte einem ländlichen Ge- 
höfte nicht unähnlich gewesen sein: Eine Umfriedungsmauer umschloss 
den Complex mit vorliegendem Hofraume, dessen von Schweinen und 
Gänsen umlagerter Düngerhaufen, das Lager des alten Hof hundes, der 
allein nach Homer's hier wahrhaft idyllischer Schilderung seinen rück- 
kehrenden Herrn erkannte und im Verenden noch einmal wedelnd be- 
grüsste, die ländliche Parallele nahe genug legt. Ein Thorweg führt 
dann zu dem innern, dem Peristyl späterer Anlage entsprechenden und 
in der Mitte mit einem Altar geschmückten Hofe, den wir uns aber ohne 
Säulenschmuck und auch sonst sehr einfach vorstellen müssen, denn es 
wurden Ziegen und Rinder ohne Bedenken hineingetrieben, um dort 
geschlachtet zu werden. An diesen reihten sich einerseits die Männer-, 
anderseits die Frauengemächer an, letztere in so loser Verbindung und 
in solcher Abgeschlossenheit, dass die tumultuarische Ermordung der
        

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