Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Landschaft in der deutschen Kunst bis zum Tode Albrecht Dürers
Person:
Kaemmerer, Ludwig
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1622551
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1623255
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Gotischer 
Stil. 
Fortschritt des Naturalismus kennzeichnet. Die wissenschaftliche 
Neubelebung der Perspektive im XIII. jahrhundert 1) war ohne Ein- 
flufssauf Kunst und Künstler geblieben. Wohl aber läfst sich die 
Annahme nicht leicht von der Hand weisen, dafs der gotische 
Kirchenbau das Auge des Künstlers für perspektivische Wirkungen 
geschärft habe e). Sagt doch noch 1546 Hieronymus Rodler in der 
von ihm herausgegebenen wPerspektivae im ersten Kapitel, wWäS 
Perspektiva seya: wDamit man sich nicht einbilde, sie sei blofs aus 
Spekulation entstanden, geh in eine grofse Kirche mit Säulen und 
hohen Fenstern, stelle deinen Rücken an die Mitte der hintersten 
Wand, kehre dein Gesicht als stillstehend über sich, so wird dich 
selbst bedunken (wiewohl alle Kragsteine und Fenster in einer 
Höhe gemauert sind), als ob die Säulen und Kragsteine bei dir am 
höchsten und sich von Säulen zu Säulen in die Ferne hinwegsenkten 
     Wiewohl diese Kunst den alten Malern und Künstlern un- 
bekannt war, haben sie doch durch fleifsige Übung und Aussinnung 
des Augenmafses, der mehr bemeldten Kunst (aber gar nicht die 
Schärfe ihrer Gerechtigkeit gebrauchend) fast nahe hiebei geschoben, 
welches mit Mühe und nicht so geringlich, als die Kunst selbst 
giebt, zugegangene 3). Derart mögen die Anregungen gewesen sein, 
welche die Künstler empfingen und die sie zur vAussinnung des 
Augenmafsese antrieben. Dafs es sich auch hier zunächst um rohe 
tastende Versuche handelt, ist natürlich. Zu einer geometrisch gea 
nauen Konstruktion landschaftlicher Perspektive sind ohnehin Mes- 
sungen notwendig, die anzustellen keinem Künstler in den Sinn 
kommen konnte. Vielmehr kommen hier praktische Versuche und 
Kunstgriffe in Betracht, deren erste Anfänge sich schon in der Mi- 
niaturmalerei der zweiten Hälfte des XIV. jahrhunderts erkennen 
lassen. So finden wir bereits in einer französischen Übersetzung 
des Augustinus, die 1375 vollendet wurde-H), eine Vertiefung des 
Bildraumes angebahnt. Die Grasflächen des Terrains im Vorder- 
 cf. Poudra, histoire de 1a perspective. 
2) Schnaase, nieder]. Briefe p. 47. 
3) A. G. Kästner, Gesch. d. Mathematik. 
4) Brüssel, Bibl. de Bourgogne Nr. 9005. 
Göttingen 
x 796.
        

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