Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Civilisation in England
Person:
Buckle, Henry Thomas Ruge, Arnold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1010503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1013137
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Frankreich 
Historische Literatur in 
keit zuerst, und sind daher auch die ersten, die wirkliche Begeben- 
heiten mit dem Auge des Forschers prüfen, welches ihre Vorgänger 
sich für religiöse Speculationen aufgespart hatten. Dies ist ein 
grosser Wendepunkt in der Geschichte jedes civilisirten Volks; von 
diesem Augenblick an werden theologische Ketzereien seltenerf) 
und literarische Ketzereien gewöhnlicher; von diesem Augenblicke 
an heftet sich der-Geist der Forschung und-des Zweifels auf jeden 
Wissenszweig und beginnt die grosse Laufbahn der Eroberung, 
während welcher mit jeder folgenden Entdeckung die Macht und 
Würde des Menschen erhöht wird, während zugleich die meisten 
seiner Meinungen gestört, und manche Von ihnen ausgerottet wer- 
den, bis im Laufe dieser gewaltigen, aber geräuschlosen Revolution 
der Strom der Ueberlieferung so zu sagen unterbrochen, der Ein- 
iiuss alter Autoritäten über den Haufen geworfen wird und der 
menschliche Geist, wie seine Stärke wächst, sich auf seine eignen 
Hülfsquellen zu verlassen, und die Hindernisse, wodurch die Frei- 
heit seiner Bewegungen so lange gehemmt worden war, abzu- 
werfen lernt. 
Die Anwendung dieser Bemerkungen auf die Geschichte Frank- 
reichs wird uns in den Stand setzen, einige interessante Erschei- 
nungen in der Literatur dieses Landes zu erklären. Während des 
ganzen Mittelalters, ja, bis an's Ende des 16. Jahrhunderts hatte 
Frankreich, so fruchtbar es auch an Annalisten und Chronikschrei- 
bern war, nicht einen einzigen Historiker hervorgebracht, weil es 
nicht einen einzigen Mann hervorgebracht hatte, der es wagte, zu 
bezweifeln, was allgemein geglaubt wurde. Ja, bis zur Veröffent- 
lichung von Du Haillan's Geschichte der Könige von Frankreich 
hatte Niemand es gewagt, eine kritische Auseinandersetzung des 
Stoifes, dessen Dasein bekannt war, zu geben. Das Werk er- 
schien 1576,13) und der Verfasser konnte am Schluss seiner Arbeit 
9) '1'0cqnevi11e sagt, was ieh geneigt bin für wahr zu halten, dass ein wachsender 
Geist der Gleichheit die Neigung neue religiöse Sectßn zu bilden vermindere. Düno- 
omiie m Amärique IV, I6, 17. Wenigstens hat wachsende Kenntniss gewiss diese 
Wirkung; denn die grossen Männer, die früher durch ihre Geistesriehtung zu Ketzern 
geworden wären, begnügen sich jetzt damit, ihre Neuerungen auf andere Felder des 
Gedankens zu beschränken. Hätte der heilige Augustin im 17. Jahrhundert gelebt, 
so würde er die Naturwissenschaften reformirt oder geschaffen haben. Hätte Sir Isaac 
Newton im 4. Jahrhundert gelebt, so würde er eine neue Secte organisirt und die 
Kirche mit seiner Originalität beunruhigt haben. 
3) Bioy. univ. XIX, 315, 316, wo es heisst: "Eowuraye de Du Haillan est 
rämarqualrle, en ce gue c'est le premier corps d'histoire de France, qui ait paru duns
        

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