Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Civilisation in England
Person:
Buckle, Henry Thomas Ruge, Arnold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1010503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1011804
England und Frankreich. 
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Weil die Englische Aristokratie auf diese Weise durch ihre 
eigne Schwäche gezwungen wurde, sich auf das Volk zu stützen, 29) 
so folgte ganz natürlich, dass das Volk den Geist der Unabhängig- 
keit einsog, und die freie Haltung annahm, welche mehr die Ur- 
sache unserer bürgerlichen und politischen Institutionen, als ihre 
Wirkung sind. Diesem Verhältniss und nicht irgend einer phan- 
tastischen Stammeseigenthümlichkeit verdanken wir den tüchtigen 
unternehmenden Geist, durch den sich die Einwohner dieser Insel 
SO lange ausgezeichnet haben. Dies hat uns befähigt, alle Künste 
der Unterdrückung zu Schanden zu machen und Jahrhunderte lang 
Freiheiten zu behaupten, welche keine andere Nation je besessen. 
Und hiedurch haben wir jene grossen municipalen Freiheiten ge- 
hegt und aufrecht erhalten, welche bei all ihren Mängeln wenig- 
stens das unschätzbare Verdienst haben, freie Männer an die Aus- 
übung der Gewalt zu gewöhnen, den Stadtbürgern die Verwaltung 
ihrer eigenen Stadt in die Hände zu geben, und den Begriff der 
Unabhängigkeit zu verewigen durch seine Erhaltung in einem 
lebendigen Vorbilde, und durch Herbeiziehung der Theilnahme und 
Liebe jedes Einzelnen für ihn-  
Aber die Gewohnheit der Selbstregierung, die sich unter diesen 
Umständen in England ausgebildet, wurde unter entgegengesetzten 
Verhältnissen in Frankreich vernachlässigt. Die grossen Französi- 
schen Feudalherren waren zu mächtig, um des Volkes zu bedürfen, 
und deswegen nicht geneigt, seinen Bund zu suchen. 30) Folglich 
theilte sich unter einer grossen Verschiedenheit von Formen und 
Namen die Gesellschaft in Wahrheit nur in zwei Klassen, die 
höhere und die niedere, die Beschützer und die Beschützten. Und 
bei der Wildheit der herrschenden Sitten ist es nicht zu viel ge- 
sagt, wenn man behauptet; in Frankreich sei unter dem Feudal- 
system jeder Mensch entweder ein Tyrann oder ein Sklave gewesen. 
Ja, in den meisten Fällen waren beide Charaktere in derselben 
Person vereinigt, denn die Gewohnheit, Unterlehen zu verleihen, 
99) Montlosierr verspottet die Englische Aristokratie mit dem feinen Witz eingg 
Französischen Edelmanns so: „En France la noblesse, atmquäß sans cesse, s'est vlqendue 
Sam cesse. Elle a subi Poppression; elle m: Fa point aweptäe. EM Anglelewe, alle a 
cum-u däs la premüre commotion, se refuyier dans -le.s mmgs des bourgeois, et sous lcur 
protectian. Ellq a abdiquä avlnsi son existmße." Montlosier, Monarchie frangaise III, 
162. Vergleiche eine lßbrreißhe Stelle in De Staiil, Oonsid. sur la rävolution I, 421. 
30) Siehe einige gute Bemerkungen in Mably, Observatiovzs sur Plzist. de Fwmce 
III, 114, 115.
        

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