Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Civilisation in England
Person:
Buckle, Henry Thomas Ruge, Arnold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1005674
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1006113
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Hülfsquellen bei der 
Geschiehtsforschung. 
Geistesvermögen, so lange sie in voller Wirkung sind, auch alle 
gleichmässig richtig wirken, so wird doch niemand dasselbe von 
jedem Zustande, in den der Geist gelegentlich verfallen kann, be- 
haupten wollen. Wenn wir aber auch diesen Einwurf fallen las- 
sen, so können wir für das Zweite erwidern, dass, wenn auch 
das Selbstbewusstsein ein Vermögen ist, wir das Zeugniss der gan- 
zen Geschichte als Beweis ' 3) seiner ausserordentlichen Unsicher- 
heit anfuhren können. Alle die grossen Stufen, die das Menschen- 
geschlecht im Fortgange der Civilisation überschritten hat, zeich- 
neten sich durch gewisse Eigenheiten des Geistes oder Überzeugun- 
gen aus, die ihren Eindruck auf die Religion, die Philosophie und 
die Sitten des Zeitalters hinterlassen. Jede dieser Überzeugungen 
ist für ein Zeitalter ein Gegenstand des Glaubens, für das andere 
ein Gegenstand des Spottes gewesen; H) und jede ist zu ihrer Zeit 
mit dem Geiste der Menschen so innig verwachsen gewesen und 
so sehr ein Theil ihres Selbstbewusstseins geworden, als es jetzt 
die Vorstellung ist, welche wir Willensfreiheit nennen. Und doch 
können unmöglich alle diese Erzeugnisse des Selbstbewusstseins 
wahr sein, denn viele widersprechen einander. Das Zeugniss des 
Selbstbewusstseins eines Menschen ist daher kein Beweis für die 
Wahrheit seiner Vorstellung, es müsste denn sein, dass die Wahr- 
 
13) Dies erfordert eine Erörterung. Das Selbstbewusstsein ist unfehlbar in Hin- 
sicht der Thatsache seines Zeugnisses, aber dem Irrthum ausgesetzt in Hinsicht 
auf die Wahrheit. Dass wir uns gewisser Erscheinungen bewusst sind, beweis't 
ihr Dasein in der Vorstellung oder ihre Wiederspiegelung darin; aber zu sagen, dass 
dies die Wahrheit der Erscheinungen beweise, heisst einen Schritt weiter gehn und 
nicht nur ein Zeugniss ablegen, sondern auch ein Urtheil fällen. So wie wir dies 
thun, führen wir das Element des Irrthums ein; denn die Verbindung von Selbstbe- 
_wusstsein und Urtheil kann nicht immer richtig sein, weil das Urtheil oft unrichtig ist. 
Der verstorbene Blanco White, ein recht scharfsinniger Denker, sagt: "Die wich- 
tige Unterscheidung zwischen Zibertas a neoessitate und libcrtas a coactione wird selten 
beachtet. Nichts kann meinen Willen zwingen: jeder ist sich dessen mehr oder 
weniger bewusst; zu gleicher Zeit sind wir oder können wir uns eben so gut bewusst 
werden, dass wir uns nie ohne einen Beweggrund entscheiden." Life of B. Wkite, 
lßy himself, 1845, vol. III, p. 90. Aber wie kann sich ein Mensch bewusst sein, dass 
"nichts seinen Willen zwingen kann?" Dies ist nicht Selbstbewusstsein, sondern ein 
Urtheil; ein Urtheil über etwas, das sein kann, nicht das Bewusstsein von etwas, das 
ist. Soll das Wort Selbstbewusstsein irgend einen Sinn haben, so muss es sich ledig- 
lich auf das Gegenwärtige beziehn und kann nie künftige Fälle oder was sein mag 
oder kan n einschliessen. 
44) "Was diese Nation ihrem Gedankenkreise fir unentbehrlich hält, daran hat jene 
nie gedacht oder hält es gar für schädlich." Herder, Ideen zur Geschichte II, 130.
        

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