Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Civilisation in England
Person:
Buckle, Henry Thomas Ruge, Arnold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1005674
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1008307
Staatsregierung. 
Literatur und 
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jene lügenhaften und unverschämten Fabeln, aus denen die Theo- 
logie jener Zeit vorzüglich bestand. 3 G) Diese elenden Geschichten 
hatten eine weite Verbreitung und wurden für ächte und werthvolle 
Wahrheiten gehalten. Je mehr die Literatur gelesen wurde, desto mehr 
wurden die Märchen geglaubt ; mit andern Worten, je grösser die Gelehr- 
samkeit, desto grösser die Unwissenheit. 3 7) Und ich zweifle nicht, 
wenn im 7. und 8. Jahrhundert, welches der ärgste Theil jener 
Periode war, 38) die Kenntniss des Alphabets eine Zeitlang ganz 
verloren gegangen wäre, und die Leute hätten ihre Lieblingsbücher 
nicht mehr lesen können, so würde der Fortschritt in Europa nach- 
her schneller von Statten gegangen sein, als es jetzt der Fall War. 
Denn als der Fortschritt begann, war seine ärgste Gegnerin die 
Leichtgläubigkeit, welche diese Literatur genährt hatte; nicht dass 
es nicht bessere Bücher gegeben hätte, aber der Geschmack an 
solchen Büchern war erloschen. Die Literatur von Griechenland 
und Rom war vorhanden und die Mönche bewahrten sie nicht nur 
auf, sondern blickten auch gelegentlich hinein und schrieben sie ab. 
Aber was half das solchen Lesern, wie sie waren? So weit waren 
sie davon entfernt, das Verdienst der alten Schriftsteller anzuer- 
kennen, dass sie selbst die Schönheiten ihres Styls nicht fühlten 
und vor der Kühnheit ihrer Untersuchungen zitterten. Bei dem 
ersten Schimmer des Lichts wurden ihre Augen geblendet. Niemals 
schlugen sie einen heidnischen Schriftsteller auf, ohne vor der Ge- 
fahr zu erschrecken, die sie liefen, und waren in beständiger Furcht 
von seinen Meinungen etwas einzusaugen und dadurch in eine Tod- 
Sünde zu verfallen. Die Folge war, dass sie die grossen Meister- 
36) Die Statistik dieser Art Literatur wäre ein merkwürdiger Gegenstand der 
Untersuchung. Ich glaube, Niemand hat es der Mühe werth gehalten, einen Ueber- 
schlag darüber zu machen, aber Guizot schätzt die Bollandistische Sammlung auf mehr 
als 25,000 Lebensbeschreibungen von Heiligen. Histoire de la civilisation em France 
II, 32. In Ledwiclfs Antiquit-ies of Ircland 62 heisst es, dass von dem heiligen Pa- 
trick allein 66 Biographen vor Joceline existirt hätten. 
37) Denn wie Laplace in seinen Bemerkungen über die Quellen des Irrthums in 
Verbindung mit der Lehre von der Wahrscheinlichkeit sagt: "Dem EinüüHS de!" Meinung 
derer, welche die Masse für die gelehrtesten hält und denen sie ihr Zutrauen in den 
wichtigsten Angelegenheiten des Lebens schenkt, verdankt man die Verbreitung der 
Irrthümer, die in den Zeiten der Unwissenheit die Erde überschwemmt haben." 
Bouillaut, Philos. mädicalc 218. 
33) Guizot (Uivilisation m Franoe II, 171, 172) hält im Ganzen das 7. Jahr- 
hundert noch für ärger als das achte, aber die Wahl zwischen beiden fällt einem 
schwer.
        

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