Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-525904
zu Venedig war natürlich noch ganz in der Kunstrichtung seiner 
Zeit befangen, und erst als der junge Mann mit Stipendium der Re- 
publik nach Rom gelangt war, erschloss sich ihm vor den Schützen 
des Alterthums die lang verkannte Quelle. Statt wie seine Kunst- 
genossen seit einem halben. Jahrhundert vor den berninischen Wind- 
beuteleien auf der Engelsbrücke zu sitzen, um den Modestyl zu stu- 
diren, wandte er sich vielmehr den vaticanischen Statuensannnlungen 
zu und sein Talent erfasste die Meister des Alterthunis Wenigstens 
indem Grade, in welchem sie sein etwas älterer Zeitgenosse Mengs 
der Walerei wieder erschlossen hatte. Allein die auch ihm anhaf- 
tende falsche Sucht nach Grazie, wie sie seiner Zeit innewohnt, welche, 
weil nicht unbewusst, mehr den Eindruck der Koketterie macht, wie 
vielleicht auch seine an's süsslich WVeiche strcifende Naturanlage, die 
oft an seine Knabenarbeit (jenen aus Butter geformten Löwenfdurch 
welchen er sich die Gunst und Unterstützung seines Gutsherrn zu 
Possagno erworben) erinnert, verhinderte die reine und naive Hin- 
gebting an die lautere Schönheit seiner Vorbilder, welche er im Be- 
wusstsein eines ausserordentlicheri technischen 'l'alentes durch über- 
mässige Delicatesse und Geziertheit überbieten zu können wähnte. 
Ebenso konnte er sich in heroisch männlichen Darstelltnugen jener 
Uelacrtreibung nicht cntschlagen, 
Kroton charakterisirte und die 
welche die Periode der Milolfs von 
herakleische Kraft in Rohheit ver- 
Wandelt hatte. S0 in zwei Extremen sich bewegend, fand Canova 
den lllittelweg und jene maassvolie Ruhe und Hohheit nicht, welche 
die classische Kunst der besten Periode über die ilieisselschölafungen 
aller Zeiten erhebt. Kein Wunder, dass er daher nur an den Grün- 
zen seiner Kunst seine Erfolge gewann und dass diejenigen seiner 
Werke, Welche ihrem Gegenstande nach ZWlSClIQH beiden lagen, ver- 
hältnissmässig leer erscheinen. Weil er aber diese Mitte nicht ge- 
funden, trennt eine riesige Kluft seine graziösen und seine heroischen 
Schöpfungen, so dass man auch bei ihm kaum begreifen kann, wie 
ein und dieselbe Hand die schöne Hebe, die Grazien, die reizvolle 
Gruppe von Amor und Psyche und andererseits die beiden Faust- 
kiimpfer Kröugas und Damoxenes wie den Herakles, den Lychas an 
den Felsen schleudernd, srhaifen konnte: ein Gegensatz, der noch 
empfnidiicher berührt, wenn er in einer und derselben Gruppe sich 
aufdriingt, wie in dem Mars mit der Venus, WO der riesige Kriegs- 
gott nicht die mächtige Göttin, sondern ein graziles Püppchen, das
        

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