Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-532138
lung mit Ausnahme der Architektur schienen auch die Zustände der 
Neuzeit es zu fordern, wie in den drei letztvergangenen Jahrhunderten 
durch Heranziehung continentaler Künstler die eigene Thätigkeit zu 
ersetzen oder wenigstens zu beleben. Es ist demnach in hohem 
Grade überraschend, gerade da, wo Unterstützung von aussen so 
dringend schien, ungleich mehr Selbstständigkeit zu finden, als wir 
sie in Italien, der Heimat der Kunst, in der Gegenwart nachzuweisen 
vermochten. 
Als der Vorläufer der modernen Selbstständigkeit der englischen 
Malerei ist Joshua Reynolds, dessen umfassende experimentelle Praxis 
Wie dessen Schriften noch immer die Grundlage der modernen Pinsel- 
thätigkeit Englands bilden, zu betrachten. In vielen Stücken hat er 
sich bitter getauscht, sich wohl auch selbst enttäuscht gesehen, aber 
auch da ist sein Vorgang im negativen Sinne von Nutzen gewesen. 
Jedenfalls War damit der nähere Anschluss an die Natur und die 
Berechtigung der Künstlerindividualität begründet worden. Sein die 
Zeichnung vernachlässigendes System ist zwar selbst von seinem 
Nachfolger Lawrence nicht befolgt worden, fand aber in den letzten 
Jahrzehnten, zum Theil auch bei continentalen Meistern, erneute 
Aufnahme. Doch ist nicht zu leugnen, dass der Stempel wissen- 
schaftlicher Forschungen im Gebiete der Coloristik den Kunstwerken 
den eigentlichen Charakter nimmt, und dieselben zwar recht inter- 
essant und belehrend, aber selten ansprechend macht. 
Dass auf dieser Grundlage die Historienmalerei nicht ge- 
deihen kann, ist selbstverständlich. Auch ist der Engländer so 
abhängig von seinen Dichtern, dass er sich höchstens zur Illustration 
derselben erschwingt, wobei er sich aber seltener die grössten, als die 
bizarrsten Scenen seines Shakespeare zum Vorwurfe wählt. Auch 
dann noch folgt er am liebsten den Darstellungen auf der Bühne 
selbst mit Heranziehung hervorragender Repräsentanten, statt sich 
die vom Dichter gezeichneten Charaktere in eigener Phantasie zurecl1t- 
zulegen, wie diess die Sammlung von South-Kensington zur Genüge 
belegt. Wenn von den Historienmalern jüngster Zeit der eine oder 
andere diesen Kreis verlässt und in freier Erfindung sich bethätigt, 
so begegnet entweder studirte Kälte oder wie bei J. E. Millags 
unverantwortliche Wunderlichkeit, und es dürfte in diesem Ge- 
biete vielleicht nur E. Ward und F. Le-iglzton, der letztere übrigens 
ein Schüler unseres Steinle, hervorgehoben werden.
        

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