Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-532029
690 
Buch. 
VII. 
Die 
Architektul 
de 
Gegenwart. 
Schinkellschen Epigonen, welche leider da, wo der schönste Haustein 
S0 leicht zu beziehen war, die Berliner Gips- und Cementsurrogate 
in unverantwortliche Aufnahme brachte, doch vermochte diese Tendenz 
sich dem Eindringen der entschiedenen Renaissance gegenüber nicht 
Stand zu halten. Die Gegenwart beseitigte auch die Inclination zum 
westlichen Nachbar, und Italien, vorab Oberitalien wurde zur über- 
wiegenden Fundgrube für das Studium der jüngeren Generation. 
In dieser aber ragt A. Gizuutlz als das unzweifelhaft begabteste 
Haupt hervor, gründlich geschult aber auch ausgestattet mit bedeu- 
tender architektonischer wie malerischer Phantasie, wie er schon in 
seinem ersten grösseren Werke, der Villa Siegle in Stuttgart bewiesen 
hat, die mit der aVillaa des Königs bei Berg verglichen den voll- 
zogenen Uebergang von der classicistischen Richtung zur Renaissance 
deutlich zeigt. Freilich drängte gerade die malerische Tendenz den 
Künstler zu Goncessionen an das Barocke, die jedoch zu billigen 
sind, so lange sie in der kraftvollen und decorativ gemiissigten Weise 
der stattlichen vWürttembergischen Vereinsbankc auftreten, und sich 
der Surrogate für Steinbau enthalten. Geschieht diess aber auch 
nicht, so kann man sich damit beruhigen, dass die Weitverbreitete 
Erscheinung allgemein lediglich den Charakter der Mode trägt, und 
sonach zu hoffen steht, dass sie sich wie a.lle Mode nicht zu lange 
behaupten wird. 
In dem ungewöhnlich reichen Architekturleben Deutschlands in 
der unmittelbaren Gegenwart, an welchem ausser den genannten 
Städten besonders noch Dresden und Garlsruhe Antheil nehmen, 
ist daher nur zu beklagen, dass fast allenthalben die malerische 
Tendenz der Zeit dem Materiale nicht überall Rechnung trägt, und 
namentlich da, wo Haustein schwer zu erlangen, Backstein und 
Terracotta nicht zu selbständiger Geltung zu erheben erlaubt. Es 
greift dadurch jene Lügenhaftigkeit und Unsolidität in der Architektur 
Platz, welche in den starken in Surrogaten hergestellten Prominenzen 
durch Materialmissbrauch styllos und darum nicht selten unerfreulich 
wirkt, jene Scheinarchitektur der Verputzarbeit, welcher das orga- 
nische Element zumeist fehlt. 
        

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