Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-531958
Auch Paris, welches hier wie nach allen Seiten künstlerischer 
'l'hiitigkeit hin als gleichbedeutend mit Frankreich gelten kann, ist 
weit entfernt, in seiner Architektur die Höhe seiner Malerei erreicht 
zu haben. Seit es den Classicismus abgestreift, hat es zur Renaissance 
und zwar gleichwohl zur nationalen gegriffen, allein ohne es zu einer 
wirklichen gesunden Weiterentwicklung gebracht zu haben. Nicht 
als 0b es an reichlicher Gelegenheit hiezu gefehlt hätte, da ja be- 
kanntlich halb Paris seit 20 Jahren umgebaut worden ist und die 
Stadt bis zum wirthschaftlichen Ruin sich angestrengt hat, auch im 
Innern die prunkende Boulevarderscheinung zu entfalten. Denn der 
Charakter der modernen pariser Architektur ist wenig anderes als 
der einer ziemlich monotonen Paraphrase jenes Styles, welcher im 
Louvre gipfelt, und in diesem allerdings den sprechendsten Ausdruck 
für die französische Eigenart gefunden hat. Die Facaden der Boule- 
vards Wirken daher wie ermüdende Fanfaren, wie ein prunkvolles 
Kleid ohne innere Bedeutung, bei Welchem es nur auf Ueberbicten 
des Aeusseren durch Reichthum und decorative Geschicklichkeit an- 
kömmt und keineswegs auf harmonische Gediegenheit, Welche auch 
in dem lärmenden Treiben der Weltstadt wie alle Anspruchlosigkeit 
wirkungslos bliebe. Kein Wunder, dass in dem rauschenden Vor- 
trag der endlosen Variationen über dasselbe Thema nur mehr grelle 
Extravaganzen Wirken, und dass die Bestrebungen ernsterer Künstler- 
naturen, welche mit umfassenderem Studium dem handfertigen Vir- 
tuosenthum zu steuern suchen, ihre verdiente Anerkennung nur in 
engeren Kreisen finden und in ausgedehnter Praxis sich nicht geltend 
zu machen vermögen. Und es dürfte auch sobald keine Hoffnung 
auf Umkehr sein, so lange das Getriebe im alten Geleise als national 
und deshalb wie gerade jetzt als patriotische Pflicht gilt, beson- 
ders aber so lange das im Gebiete der Malerei und Kunstindustrie 
berechtigte Gefühl der Ueberlegenheit es nicht verstattet, frische und 
gesündere Impulse von aussen zu holen. 
Der Vorzug der deutschen Architektur der Gegenwart beruht 
aber auf doppelten Gründen. Erstlich auf besserer Tradition, wie sie 
namentlich die Berliner-Schule der jüngsten Vergangenheit darbietet, 
und wie sie auch mehr oder weniger in einigen andern deutschen 
Städten vorliegt, dann aber auf umfassenderen Studien der Leistun- 
gen aller hervorragenderen Culturepochen nicht blos von Seite der 
Archäologen und Kunsthistoriker, sondern auch durch augübende
        

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