Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-531115
stellen. Ich will nicht davon sagen, dass wohl noch Niemand daran 
gedacht hat, Raphael zu tadeln, weil er in der Grablegung Christi 
einen Leichnam dargestellt; denn wir kämen inis entgegengesetzte 
Extrem und verglichen den Sohn Gottes mit den niederländischen 
Grafen; aber halten wir Martyrei" gegen Martyrer, so hat noch Nie- 
mand die Leiche eines christlichen Blutzetigen in der Kunst perhor- 
FßSCiFi- Und beäagcn denn diese Leichen nichts? Sie schienen mir 
eindringlicher zu reden als manche pathetische Figur mit erhobenen 
Armen und geöffnetem Munde und ihre stummen Lippen schienen 
dem Volke zu verkünden, dass es zum Aeussersten gekommen und 
die Bedrückung nur mit der aussersten Anstrengung abgewehrt 
werden könnte. Moderne Kritiker haben dargelegt, welchen anderen 
Moment der Künstler hätte wählen sollen und empfohlen, dem Dichter 
(Goethe) nachzudichten. Doch was sollte Clärchen dem Volke, das 
der völligen Unwahrheit dieser uns so lieb gewordenen Gestalt sich 
bewusst und mit Fug vielmehr dessen Gemahlin Sabine von der 
Pfalz im Gebete für das edle Haupt dargestellt hat. Oder hätte 
vielleicht in einer Gedichtscene eine Rede oder in einer Abschieds- 
scene ein Meer von Rührung oder in dem Gang zum Schaffot eine 
noch ungleich grauenvollere Scene dargestellt werden sollen! Jeden- 
falls wäre auch der Künstler dem Momentanen eines solchen Stoffes 
nicht gewachsen gewesen. Hier war die Zuständlichkeit und aussere 
Ruhe, wie er sie nach dem oben Dargelegten brauchte. um die con- 
stanteren Empfindungen der Lebenden erfassen, mit dem bleibenden 
Ausdruck der Toclten in Rapport setzen und seine coloristische 
Technik entwickeln zu können. 
Auch sonst war Gallait am glücklichsten, wenn er sich an StOffQ 
hielt, die ein mehr zuständliches Pathos beherrschte, welchem 81' als 
länger anhaltend näher zu kommen vermochte. S0 in den bedeut- 
samen Gegenstücken Egniont am Fenster des Gefängnissest)", durch 
welches eben der verhängnissvolle Morgen hereindämmert und Alba 
am Fenster während der Hinrichtung der beiden Grafen M). Seinem 
Pinsel nicht minder entsprechend war das Bild sJohanna von Spanien 
bei der Leiche ihres Gemahls Philipp des Schönenßft), in welchem 
ä") Von 1848. In der Nationalgallerie zu Berlin. 
M) In der Sammlung des Grafen Redern in Berlin. 
"Ü Im Haus im Busch bei Haag und im Palais Ducal 
ZU 
Brüssel.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.