Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-525334
Auch als die knabenhafte Kunst zur Jünglingskraft gereift Will", 
verhinderte das conservative Element des germanischen Volkes das 
völlige Abschütteln des mit Pietät gepflegten Alten, und fast das 
ganze 16. Jahrhundert gelangte man nur in einzelnen Fällen zur 
radicalen Anwendung der Neuerung. Man glaubte genug zu thun, 
wenn man den constructiv wenig veränderten Baukörper mit neuen 
Zierden versah und beides in harmonische Verbindung zu bringen 
suchte. Wie sehr erfreut aber an diesen Werken die Originalität 
der Erfindung, der im Kleinen und Einzelnen auftretende Beichthum 
der Zierden, welche selten mechanisch von der Ferne geholt und 
einfach reproducirt erscheinen, sondern fast immer neu und selbst- 
erfunden uns die individuelle Schöpferkraft des obscuren Steinmctzen 
verrathen, der hier in reiner Schaffensfreude seinem eigenen Genius 
gehuldigt. Mochte er nun auch seine Motive von Holzsäge- von 
Eisenarbeiten oder anderen metallenen Zierden entlehnt oder in der 
einen oder andern Technik sich geistig wie in Wirklichkeit selbst vor- 
gebildet haben, so wird die verständnissvolle und selten styllose Ueber- 
tragung in ein anderes Material, wie wir sie in Wandfüllungeil, Bogen- 
Winkeln, Piedestalen, Säulenschäften, Capitiileit, Brüstungen u. s. w. 
finden, unsere Bewunderung verdienen. 
Auch als es endlich allgemein wurde, die ganzen Fagadeit der 
Durchbildting im neuen Styl zu tinterwerten, blieb man noch lange 
bei lediglich decoratixier Behandlung der Waindfliiclte, ohne der bis- 
herigen Anordnung zu nahe zu treten. Es blieben die Grundrisse, 
die dem Säulenschntuck ungünstigen niedrigen Geschosse, es blieb 
das gothische Profil der Fenstergewände ohne vertretende Umrah- 
mung, es blieben die meist unsymmetrischen Vorbaue und Erker. Auch 
der durch die antike Gebalkbildung bedingte Horizontalisnlus der 
italienischen Renaissance konnte sich gegen den der Strasse zuge- 
Wandtenv Steilgiebel nicht behaupten: nach wie vor trieb der mittel- 
alterliche Verticalismus den First in beträchtliche Höhe, wobei über- 
dies wieder statt der gothischen Phialenbekrönungen pyramidale Auf- 
Sätze ersatzleistend zu Hülfe kamen, während die Zinnenabstufung 
der Giebelstirnwände durch Etagirung der Wandfläche gerettet Wurde; 
und wenn man zur Maskirung der schrägen Dachlinie später in 
michelangelesker Weise zum Volutenschmuck griff, so wurde dieser 
in neckischer Mannigfaltigkeit hergestellt, welche ebensosehr in der 
lebendigen Phantasie des Baumeisters als in dem ltlissverständniss
        

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