Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-525327
zösischen Nation als in dem Fehlen eines einheitlichen Machtgebotes, 
durch welches in Frankreich nicht die Nation, sondern König Franz I. 
der Renaissance-Architektur den Boden ebnete. Denn in den übrigen 
Künsten gingen die Deutschen den westlichen Nachbarn in modernem 
Geiste eher voraus, indem sie ohne der direkten Herbeiziehung von 
Italienern zu bedürfen, in der Malerei wie in der Plastik ihre zeit- 
gemässen Meister besassen. Wäre z. B. Holbein durch Berufswahl 
und durch fürstliche Aufträge in die Lage gekommen zu bauen statt 
zu malen, und die architektonischen Ideen, Welche er decorations- 
weise an Gemälden oder selbst an Häuserfagaden anbrachte  welches 
letztere Verfahren auch in der Form des Sgraffito übrigens das ganze 
16. Jahrhundert hindurch im Schwung blieb  constructiv herzu- 
stellen, so würde Deutschland an ihm unfehlbar einen grossen Re- 
naissance-Architekten und Bahnbrecher der neuen Richtung zu ver- 
ehren haben. Ebenso dürfte Peter Vischer, wenn ihn nicht die Oert- 
lichkeit seiner Werke genöthigt hätte, die ihm geläufigen Renaissance- 
Forruen gothischem Gerüste unterzL10rd11e11, wie wir diess an dem 
Grabdenkmal in der Sebalduskirche finden, davon sicher freien und 
umfassenderen Gebrauch zu machen befähigt gewesen sein. Zeigt 
ja die deutsche Kleinkunst wie das Kunsthandwerk aus der ersten 
Hälfte des '16. Jahrhunderts überall, wo der Zusammenhang mit der 
bestehenden Architektur nicht hemmend dazwischen trat, oft über- 
raschende Vertrautheit mit den italienischen Architekturformen jener 
Zeit, und zwar diese mit einer sprudelnden Leichtigkeit, Sicherheit 
und Originalität verwendet, welche es nur bedauern lassen, dass 
sich keine Gelegenheit zur entsprechenden monumentalen Ausführung 
jener Ideen ergab. Die deutsche Renaissance sah sich daher ge- 
nöthigt, ihre Knabenzeit in der Stube zu verbringen, wuchs jedoch 
hier fröhlich und gesund auf in heiterem Spiele mit dem Schnitz-g 
messer, Modellirstab, Hammer und Meissel, alhnälig die Wände und 
Decken im neuen Geiste mit Getäfel überziehend, die Ecken mit 
herrlichen Kachelöfen verzierend, die Schränke zu phantaStiSChEin 
Schlössern umbildend, Consolen und Stellbretter aber beSetZend mit 
wunderbaren Geschirren und Prunkgeräthen in Metall oder Thon. 
Nur schüchtern wagte sich die neue Kunst ins Freie; ein Portal oder 
Erker verrieth zuerst die Geheimnisse des Innern, selbst nur selten 
in Einklang gebracht mit der übrigen äussern, der Weise der Väter 
getreu gebliebenen Architektur.
        

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