Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-528428
der Polyxena des alten griechischen Meisters den trojanischen Krieg 
zu lesen, so spricht aus diesen Augen die unheilverkündende Seherin, 
welche eben den Fluch gegen die Atriden schleudernd zu spät von 
Agamemnon behindert wird. Gerne nimmt man die neun Musen- 
köpfe des beschriebenen Olymp für dieses eine mächtige Haupt in 
den Kauf und kehrt auch mit Entzücken zurück von der ohnmäch- 
tigen Reue der an eine Säule geklammerten Helena zu der wunder- 
baren Heroine. Dem unergründlich tiefen zukunftsehenden Antlitz 
entspricht Gestalt, Haltung und Geberde, unvergleichbar mit allem 
was unsere Kunst und vielleicht alle seit dem Cinquecento geleistet. 
Und neben dieses Juwel pflanzt sich die Prachtgestalt des den Knaben 
Astyanax über die Mauer schleudernden Neoptolemos, in Zeichnung 
und Bewegung wie in ihrer jugendlichen Heldenkraft nur mit des 
Künstlers Siegfried am Brunnen zusammenzuhalten, aber diesem 
an Formdurchbildung entschieden überlegen. Neben einer solchen 
Gestalt kann auch die Leiche des greisen Priamos im Vordergrunde 
nicht zu dem Tadel veranlassen, als hätte der Künstler noch an 
jener Ungelenkheit der Anordnung gelitten, welche in seinen Erst- 
lingswerken allerdings peinlich berührt. Jede malerische Pose ist 
vielmehr hier absichtlich vermieden: Die Beine schlicht nebenein- 
ander, in Farbe und Formen des Nackten nichts als potenzirte Wahr- 
heit verrathend, bietet der als Vater so vieler Heldensöhne kraftvolle 
Heldengreis das Bild des Todes nach schrecklichem Geschick ebenso 
ganz und drastisch dar wie Neoptolemos das Bild des Lebens. Hier 
ist keine andere als künstlerische Schönheit zu suchen. 
Ueberblicken wir noch einmal den ganzen Gemäldecyklus und 
vergleichen wir ihn mit Kunstwerken, wie sie dem Meister vorlagen, 
so werden wir den Einfluss der Antike, Raphaefs, Michelangelds 
und Dürer's mehr fühlen als sehen. Von einem formalen Anlehnen 
an diese Vorbilder ist nemlich keine Rede, noch weniger von manie- 
ristischer Nachahmung. Dem Geiste nach antik aufgefasst, in Com- 
position und Ausdruck an Raphael, in Grossartigkeit und Kraft an 
Michelangelo, in scharfer Charakteristik und bis an Härte streifen- 
der Präcision der Formgebung an Dürer gemahnend ist doch alles 
neu von der Erfmdung bis zur Ausführung im Detail, kurz es 
leuchtet wieder entgegen was zwei Jahrhunderte lang nicht bloss 
in Deutschland, sondern in der Welt verloren war, der Selbsteigene 
Styl. Dieser aber ist das den vollen Meister und den bahnbrechen-
        

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