Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-527286
Es lag eine unbestreitbare Berechtigung in dem Entschluss der 
Neuerer, statt bei einer Stufe des Auslebens der Kunst und des Ver- 
falls, wie sie die vorher als canonisch betrachteten Caraccisten dar- 
stellten, vielmehr bei einer Vorstufe der höchsten Vollendung anzu- 
knüpfen, um damit dem abgelebten Formalismus und der Inhalts- 
losigkeit der eklektischen wie der classicistischen Richtung sich zu 
entwinden und die Wahrheit des Gehalts, des Gedankens und der 
Empfmdung mit den einfachen Mitteln älterer Meister in deren naiver 
Auffassung wieder zu erringen, zugleich aber die Möglichkeit zu haben, 
in weiterem Fortschreiten auf ähnlichem Wege zum Höhenpunkte 
zu gelangen, wie er von den Cinquecentisten erreicht worden war. 
Allein Ausgangspunkt und Vorbilder, einmal gewählt, mit Liebe und 
Ueberzeugung erfasst und mit überraschendem Erfolg angeeignet, 
wirkten zu Verführerisch, als dass man sich ihnen wieder hätte ent- 
reissen, und über sie frei hinausgehen können. Die schlichte, magere, 
ascetisch hingebende Auffassung und Formgebung der Quatrocentisten 
bemächtigte sich der Klosterbrüder wahrhaft bestrickend, und erzeugte 
das gewiss falsche Gefühl, dass eine Weiterentwicklung an der Hand 
der Natur, das Heraustreten aus dem magischen Kreise der als Ideal 
erkorenen Vorbilder gleichbedeutend sei mit dem Aufgeben des 
specifisch christlichen Charakters zu Gunsten des modernen Geistes. 
Die romantischen Ideen fesselten förmlich an das vorreformatorische 
Zeitalter: daher das Stehenbleiben bei einer Auffassung, wie sie zu 
Anfang des 16. Jahrhunderts erreicht worden war. Daher das Ver- 
werfen des zur Uebung gleichwohl nicht vernachlässigten Modells 
zur Benutzung für die Ausführung einer Goinposition, aus Furcht, 
es möchte von der idealen durch Phantasie und ältere Vorbilder in 
gleichem Antheil geschaffenen Vorstellung des darzustellenden Gha- 
rakters abführen. Daher das Ablehnen der Benutzung der seit dem 
Cinquecento errungenen Vortheile der Goloristik und Modellirung, 
welches notlnvendig dahin führen musste, dass bald die Zeichnung 
und der Garten in das entsehiedenste Uebergewicht trat. Daher 
das Verwerfen antiker wie moderner Stoffe, selbst V0l'Cl1l'lStllCl1(3I' 
wie sie das alte Testament darbot, die nur selten mehr gewählt 
wurden. Namentlich aber die Verwerfung der Selbstgeltung des 
Modells im Porträt, welches durch die formale Behandlung im Styl 
fiel" Qußtrocentisten an Wahrheit und Lebigkeit verlieren musste, 
wie diess Overbecks Bildniss der Vittoria Caldoni von Albano
        

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