Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-527110
als ob aus den Gräbern leise Stimmen der Abgeschiedenen heraus- 
sängen und mit Geisterstimme den ernsten Orgeltönen nacheilten; 
die Bäume jenseit des Kirchhofs betrübt und einsam dastünden und 
ihre Zweige wie gefaltete Hände ernporhöben. Wie sich dann freund- 
lich durch die Fenster die Sonnenstrahlen weit in die Kirche hinein- 
legen, scheinen ihm auch die Steinbilder an der Mauer nicht mehr 
stumm, und die fliegenden Kinder, welche die Orgel verzieren, scheinen 
in lieber Unschuld auf ihrer Leier zu spielen-und den Herrn der 
Welt zu loben. Dem nüchternen Meister Lucas von Leyden wird 
es dann geradezu in den Mund gelegt, dass die italienische Schule 
den Deutschen nicht nützlich sei, noch weniger das Studium der 
Antiken, xfür welche wir gewiss nicht sind und die wir auch nicht 
mehr verstehenß Hinsichtlich der Landschaft sagt er an einer 
anderen Stellef): aWas soll ich mit allen Zweigen und Blättern, 
mit dieser genauen Copie der Gräser und Blumen? Nicht diese 
Pflanzen, nicht die Berge will ich abschreiben, sondern mein Gemüth, 
meine Stimmung, die mich gerade in diesem Momente regiert, diese 
Will ich mir selber festhalten und den übrigen Verständigen mit- 
theilenßt In der Architektur befriedigt natürlich der gothische Dom 
allein den romantischen Sinn. vFührt jeden Tadler der Gothik, jeden, 
der von griechischer und römischer Baukunst spricht, nach Strass- 
burg. Da steht der Münster in voller Herrlichkeit, ist fertig, ist da 
und bedarf keiner Vertheidigung in Worten und auf dem Papier; 
er verschmäht das Zeichnen mit Linien und Bögen und all den 
Wirrivar von Geschmack und edler Einfachheit. Das Erhabene dieser 
Grösse kann keine andere Erhabenheit darstellen; die Vollendung 
der Symmetrie, die kühnste allegorische Dichtung des menschlichen 
Geistes, diese Ausdehnung nach allen Seiten, und über sich in den 
Himmel hinein; das Endlose und doch in sich selbst Geordnete; die 
Nothwendigkeit des Gegenüberstehenden, welches die andere Hälfte 
erläutert und fertig macht, so dass eins immer um des anderen 
Willen und alles um die gothische Grösse und Herrlichkeit auszu- 
drücken, da ist. Es ist kein Baum, kein Wald; nein, diese allmäch- 
tigen unendlich wiederholten Steinmassen drücken etwas Erhabeneres, 
ungleich Idealischeres aus. Es ist der Geist des Menschen selbst, 
seine Mannigfaltigkeit zur sichtbaren Einheit verbunden, sein kühneg 
125. 
Stimmungsbild 
Aehnliches 
Mondbel euchtung. 
in 
293.
        

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