Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-527062
Zeit mit sich gebracht, und vielfach ebenso mit den Anschauungen 
wie mit den Bedürfnissen der Neuzeit in Conflict zu kommen. Man 
hatte sich durch die Antike aus der Unnatur der vorausgegangenen 
Zeit gerettet und befreit, durch dieselbe den Weg zur Natur gefunden, 
sie selbst aber nicht erreichen können. Vergeblich harrte Pygmalion 
auf das Lebigwerden der angebeteten Bildsäule, der prometheische 
Funke fehlte und es blieb nichts übrig als Hülle und Form, welchem 
das Jahrhundert Inhalt und Seele, Wahrheit und Leben neeh nicht 
verliehen hatte. Denn wer hätte vermocht das Zeitalter eines Perikles, 
eines Brutus oder Cäsar an den Anfang des 19_ Jahrhunderts zu 
verpflanzen, und das, was unter dem Schutt von zwei Jahrtausenden 
gelegen, wieder zu wirklichem Leben zu erwecken! Hatte sich doch 
im Verlaufe von anderthalb Jahrtausenden der Boden so ganz ver- 
ändert, dass selbst der nemliche Samen andere Früchte bringen 
"musste, dass er anderer Pflege und anderer Nahrung bedurfte, um 
überhaupt gedeihen zu können, wenn das Gewächs nicht Treibhaus- 
pflanze bleiben sollte, welche der Allgemeinheit fremd bleiben musste. 
Hatten doch ferner selbst in der Kunst und namentlich in der monu- 
mentalen, in welcher die antiken Elemente noch den meisten Spiel- 
raum fmden konnten, die Gegenstände sich so ganz verwandelt, 
indem an die Stelle der stoffgebenden Mythologie das Christenthum 
getreten war, und die Anschauungen verinnerlicht, ja selbst lange 
Zeit der Formfreude entfremdet hatten. Seit dem Beginn der Renais- 
sance zwar schien man sich mehr und mehr von dem Christenthum 
wieder entfernen zu wollen und die Revolution glaubte sich desselben 
sogar gänzlich entledigt zu haben. Allein die christlichen Anschauungen 
lagen doch dem allgemeinen Bewusstsein stets näher als die classi- 
sehen, und es konnte nicht fehlen, dass gerade mit dem Ausleben 
der Revolution die ersteren wieder in den Vordergrund traten. Wie 
man sich von der Unnatur des 18. Jahrhunderts zur Antike geflüchtet, 
so suchte man jetzt, da zur unmittelbaren Einkehr in die Natur die 
Kräfte noch nicht zureichten, die Rettung vor der unbefriedigenden 
Leere des classicistischen Formalismus im Mittelalter, 
Das Gesetz des aufklärenden Verstandes hatte ebenso wie die 
vor-revolutionäre Epoche der Galantcrie eine Seite der Menschlichkeit 
ganz ohne Nahrung gelassen, nemlich das Gemüth. Es musste sich 
Wieder geltend machen, und zwar mit Macht, sobald man über das 
weit zurüekgreifende Stadium des noch unklaren Sehnens und Strebens
        

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