Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-526835
Sechstes 
Capitel. 
Der 
Classicismus 
in 
Frankreich. 
Wie die grosse Revolution in Frankreich keineswegs eine 
Erscheinung war, die wie ein Blitz aus heiterer Luft in die überraschte 
Welt schlug, sondern seit Jahrzehnten sich vorbereitet hatte und 
die Vorboten des Gewittersturms längst Jene erkennen liess, welche 
mitten in dem Taumel der Masse und in der schwülen Atmosphäre 
um den Thron einen nüchternen Sinn und ein offenes Auge für die 
Zukunft hatten, so war auch der Umschwung in der Kunst keines- 
wegs ohne Vorbereitung gewesen. Ja, die classische Tradition, welche 
seit Poussin, Racinc und (lorneille kräftiger als sonst irgendwo in 
Frankreich Wurzel geschlagen, und während der Regierungszeit 
Ludwig XIV. so bemerkenswerthe Blüthen getrieben, war auch im 
Zeitalter Louis XV. nicht völlig erstorben. Sie hatte selbst neben 
den (luftigen Guirlanden des Rococo ihre saft- und geschmacklosen 
Früchte getrieben, nach welchen es freilich Niemand mehr gelüstete, 
da sie sich nur als taube Hülsen erwiesen, aus denen aller Gehalt 
entwichen war. Es schien daher nicht wie in Deutschland der 
Ausrodting des Ganzen, sondern vielmehr der Beseitigung der wuchern- 
den bunten Schösslinge zu bedürfen, welche den mehr als hundert- 
jährigen Baum umrankt und verkümmert hatten, dann aber einer 
frischen und ausschliessenden Pflege des verwahrlosten Stammes 
nach neuen und gesünderen Principien, welche übrigens nach aßen
        

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