Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-526247
eine zögernde oder vorerst noch zurückgewiesene Gruppe, während 
eine andere sich beeilt, noch an Bßrd des bereits überfüllten Fahr- 
zeugs zu gelangen. Beide zeigen unverkennbar das Studium des 
Schöpfers der Anghiari-Schlacht wie der Medicigräber, des grossen 
Michel Angelo, in der Kraft der muskulösen Gestalten, in der kühnen 
und doch so wahren Verschränkung der Ruhenden, in der eilfertigen 
Hast der das Schiff Besteigenden, überhaupt in der sicheren und 
ungezwungenen Linienführung und in den meisterhaften Verkürzun- 
gen. Im Schiffe selbst steht Charon am Steuer; von den im Schiffs- 
raum Zusammengedrängten scheinen die einen in traulicher Unter- 
redung, andere, umgeben von Zuschauern, leidenschaftlich im Spiel 
der Mora begriffen, wenige in Trauer, die meisten in höhnischer 
Erwartung der Heranbringung des Flüchtlings. Dieser sehen nament- 
lich die Parze und Mercur, die in sinnigem Ernst am Schiffsvorder- 
theil stehen, entgegen, selbst in classisch göttlicher Hohheit das 
Gewühl überragend. Die Scene ist in dem der Entstehung nach 
etwas jüngeren Ueberfahrtsbilde xierändert; das Segel ist geblaht, 
Gharon, dessen Bart im Winde flattert, stösst vom Lande. Am 
Hintertheil sitzt Klotho, die Liste der Todtenfracht überlesend, Mercur 
(wohl die schlechteste Figur, weil am wenigsten menschlich bewegt 
und ängstlicher an classische Vorbilder sich anlehnend) weist auf 
den Mast hin, an welchen der verzweifelnde Megapenthes von Cynis- 
kus gebunden wird. Auf dem Nacken des Unglücklichen sitzt Cyrill, 
der sonst keinen Platz mehr im Nachen gefunden, denselben aber, 
weil es ihn ebenso drängte dem Leben zu entrinnen, wie Megapen- 
thes zu zögern sucht, schwimmend erreicht hatte. Die herrliche 
Gruppe ist Gegenstand der höhnischen Betrachtung der Schiffsgesell- 
schaft, von welcher nur ein kleiner Theil der Männer der Verzweif- 
lung, der Frauen der Trauer sich hingibt. Die verschiedenen Typen 
sind von dem sprechendsten Ausdruck, die in lässiger Verschränkung 
am Schiffsrand kauernden Männergestalten besonders von grossartiger, 
wenn auch keineswegs fehlerfreier Zeichnung. 
Nicht minder bedeutend erscheinen seine singenden Parzen. 
Mehrmals hatte er auch schon früher um den ihm verhassten Akt- 
Studien, in welchen er seinen Sinn für classische Formschönheit eher 
abzustumpfen befürchtete, zu entgehen, sich Gestalten, deren Compo- 
sition in der beabsichtigten Stellung ihm mit der Kohle nicht gelingen 
wollte, erst modellirt, um sich dadurch der Form im Runden bewusster
        

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