Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zur Wiener Ausstellung 1873
Person:
Reber, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-524503
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-526162
in ihre Vorstellungsart hinein versetzen, so in ihren Styl sich hinein- 
bilden, dass er ihm zur anderen Natur werde, dass er sich seine 
Erfindungen nicht anders denken können 
Carstens ging freilich nicht ohne die Uebertreibung, wie sie Genies 
bei Durchführung bahnbrechendcr Principien eigen zu sein pflegt, 
von dem wohl nicht anfechtbaren ästhetischen Grundsatze aus, dass 
bei künstlerischen Schöpfungen ein Vorbild, sei es nun einem schon 
bestehenden Kunstwerke oder der Natur entnommen, erst seinen 
Weg durch Geist und Phantasie des Künstlers machen müsse, bevor 
es in die Erscheinung trete. Deswegen wollte er nicht und selbst 
nicht zur blossen Uebung unmittelbar nach dem Vorbilde zeichnen, 
sondern erst, wenn dasselbe in seinem Geiste verarbeitet wäre, nach 
dem Gedächtniss. Copiren war ihm sogar geradezu unmöglich, und 
ausser zwei Versuchen, die er noch als Küferlehrling in Farbe ge- 
macht, hat er nach seiner eigenen Aussage nie mehr ein Gemälde 
copirt. Auch dem lebenden Modelle stellte er sich in ähnlicher Weise 
gegenüber, indem er, wie an den Antiken, so auch an diesem alle 
Stellungen und Bewegungen lediglich schauend studirte und Gedächt- 
niss wie Einbildungskraft dahin übte, sich diese nach dem jeweiligen 
Bedürfnisse wieder zu vergegenwärtigen, so dass er bald es dahin 
brachte, die verschiedensten Stellungen und Actionen ziemlich richtig 
aus der Vorstellung aufzuzeichnen. Ohne Modelle und andere Ap- 
parate also schritt er an seine Compositionen, welche daher im 
Grossen wie im Kleinen als Erfmdungen seines Genius zu betrach- 
ten sind. 
Dass Garstens bei solchen Principien sichesofort zur Gomposition 
wandte, sobald er nur einiges gelernt, ist weder zu verwundern, noch 
zu tadeln; denn nur an diesen konnte er frei üben; doch mussten 
die ersten Arbeiten der Art selbstverständlich noch sehr unvoll-, 
kommen sein, da es ihm, wie er selbst sagt, noch gänzlich an der 
Kenntniss von den Regeln der Perspektive, der Anordnung, der Be- 
leuchtung und Drapirung fehlte. Doch schreckte ihn die Schwierig- 
keit nicht zurück, wenn ihm auch seine einsame und mühselige Ar- 
beit serschrecklich saucrk ward. Eine Gompositien wAdälll und EVElc 
nach der Milton'schen Dichtung gefiel Sogar dem Grafen Moltke, der 
den strebsamen jungen Mann in seiner Gallerie zufällig kennen lernte, 
so sehr, dass er deren Ausführung in Oel bestellte. Auch die Zurück- 
Weisung dieses Oclbildes durch den Grafen, dem die technische Un-
        

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