Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Leben der Griechen und Römer
Person:
Guhl, Ernst Koner, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-721757
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-725623
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Die Cultusbeziehlmgen zwischen Griechenland und Rom. 
Rom und Griechenland, gleichsam die Merkzeichen gemeinsamen Ursprunges 
im Bewufstsein der Völker, nicht allein in voller Kraft bestehen bleiben, 
sondern auch manche neue Beziehungen der Art sich zu knüpfen beginnen. 
Die altitalische Sage, die wegen mangelnder scharfer Persönlichkeit der 
göttlichen Gewalten immer etwas dürftig gewesen war, scheint sich durch 
Üebertragung aus dem reichen Mythenkreise der griechischen Gottheiten 
mannigfacher zu gestalten und zu beleben, und es entspricht dem voll- 
kommen, dafs wir bestimmte Culte aus Griechenland nach Rom und zwar 
unter staatlicher Autorität übergeführt sehen. Ja man wird wohl kaum 
irren, wenn man die allmälige Umgestaltung des Staatslebens, und zwar 
insbesondere die Verringerung des Einflusses der Geschlechter, als den 
eigentlichen Grund jener Cultübertragungen ansieht. Denn indem die Ge- 
schlechter sich ursprünglich in dem fast unbeschränkten Besitz priester- 
lieher Gewalt und der Verwaltung des Cultus befanden, indem ihre Götter 
zugleich die Götter des Staates selber waren, so mufsten bei dem Hervor- 
treten der Plebs als eines neuen Elementes im Staats- und Volksleben 
und bei der wachsenden politischen Berechtigung derselben auch deren 
religiöse Bedürfnisse in einer umfassenderen Weise befriedigt werden, als 
dies in den altpatricischen Sacris geschah. Und wie schon eine der bedeut- 
samsten Cult- und Tempelstiftungen der Königszeitl auf die Ausgleichung 
jenes Gegensatzes zwischen Plebs und Geschlechtern hinzielte, so scheint 
es nicht aufser Zusammenhang mit den weiteren Fortschritten dieses Aus- 
gleichungsprocesses zu stehen, wenn wir in den folgenden Jahrhunderten 
die Culte griechischer Götter immer häufiger von Staatswegen nach Rom 
übertragen sehen; eine Uebertragilng, die kaum ohne Folgen auch in 
Bezug auf die diesen Gottheiten gewidmeten Tempel bleiben konnte. 
So wurde man schon früh durch eine gewisse innere Nothwendig- 
keit der Dinge zur Aufnahme griechischer Tempelformen geführt, noch 
ehe die geflissentliche Nachbildung aller griechischen Kunstschöpfungen die 
Aufnahme derselben zu einem ästhetischen Bediirfnifs machte. Dies tritt 
mit dem letzten Jahrhundert der Republik immer ersichtlicher hervor 
l Der Tempel der capitolinischen Gottheiten wird als Symbol und Ausdruck der von 
den letzten Tarquiniern angebahnten Einheit der gesammten Bürgerschaft betrachtet (Am- 
broscb, Stud. I, 196) und giebt fortan ein aufserhalb der patricischen Gemeinde stehendes 
religiöses Centrnm des Staates selber ab. Auch läfst sich in dieser Beziehung daran er- 
innern, dal's ähnliche Umgestaltungen und Erweiterungen des römischen Cultus schon früher 
von den Tarquiniern ausgegangen zu sein scheinen, wie denn der Sage nach Tarquinius 
Priscus die ersten Götterbilder anfertigen und nach ihm Servius Tullius die aventinische 
Diana dem Vorbilde der von Massilia her den Römern bekannten ephesischen Artemis 
nachbilden liefs.
        

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