Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Leben der Griechen und Römer
Person:
Guhl, Ernst Koner, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-721757
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-725552
Wesen der 
mischen Religion. 
Auguralwissenschaft. 
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dal's auch die Bestimmung des Tempels eine wesentlich andere wurde, und 
zu dem Zwecke, dem Götter-bilde Schutz und Wohnung zu gewähren, 
noch ein anderer Zweck von durchaus nicht geringerer, ja vielleicht über- 
wiegender Wichtigkeit hinzutrat. ' 
Je mehr man nämlich von der künstlerischen Gestaltung und Aus- 
bildung der Götter-Ideale in menschlichem Sinne absah, um so gröfseres 
Gewicht scheint man darauf gelegt zu haben, einen bestimmenden Einflufs 
der Götter auf die menschlichen Verhältnisse zu erkennen, deren Vorsteher 
jene gewissermafsen waren, oder mit anderen Worten, den Willen der 
Götter zu ergründen, um nach Kundgebung desselben die menschlichen 
Dinge und Entschliefsungen regeln zu können. Und zwar geschah dies 
nicht in der Weise jener begeisterten Auslassungen einer vom Gotte er- 
füllten Persönlichkeit, wie dies in den griechischen Orakeln der Fall war, 
sondern dem schon von Alters her praktischen und verständigen Sinne 
des Volkes galt es zunächst und hauptsächlich ein Ja oder Nein, Zustim- 
mung oder Abmahnung der Götter in Bezug auf eine besondere Handlung 
oder Entschliefsung zu erhalten. Diese Erforschung machte den Gegen- 
stand der Augural-Wissenschaft aus, wonach gewisse Zeichen am Himmel, 
namentlich der Flug der Vögel und das Erscheinen von Blitzen, als be- 
jahende oder verneinende Zeichen der göttlichen Willensmeinung angesehen 
und gedeutet wurden.  
Die Beobachtung und Deutung dieser Zeichen mochte ursprünglich 
jedem Familienhaupte, in welchem sich mit der rechtlichen Gewalt auch die 
religiöse vereinigte, freigestanden haben; beim Anwachsen des Staates und 
bei eomplicirterer Gestaltung der geselligen und staatlichen Verhältnisse, 
sowie höherer Ausbildung jener Wissenschaft selbst, war diese als priester- 
liche Function zuerst wie es scheint auf den König, dann auf Kundige 
und ilVissende übergegangen, die unter dem Namen der Auguren eines 
der wichtigsten Priestercollegien bei den Römern bildeten und welche um 
den Rath und die Willensmeinung der Götter zu befragen, jedem Einzelnen 
gestattet, den den Staat repräsentirenden Beamten bei jeder Wichtigen Ent- 
S0blißfSl1ng_ dagegen geboten war.  
Für solche Beobachtungen nun, deren Ursprung die Römer von den 
Etruskern ableiteten, die sich indefs nach neueren Foyschungen als das 
gemeinsame Eigenthum der latinischen Stämme ergeben haben, galt es, 
einen geeigneten Raum auszuwählen und denselben als geweiht und heilig 
gegen die profane Umgebung abzugrenzen. Nur von einem solchen aus 
konnte die Himmelsschau stattfinden, und zwar wurde derselbe auf die 
einfachste Art durch Absteckung eines quadraten Bodenstückes gewonnen,
        

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