Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749454
tonischen Ganzen (des Raumes) ein selbständiges Glied und als 
solches sogar in einem gewissen Gegensatz zum Fußboden. 
Decke und Fußboden stehen nämlich in ihrer Beziehung zur 
Wand in dem analogen Verhältnisse wie der Fries zum Sockel, in 
welchen Beiden sie gleichsam prätludierend angedeutet und vorbe- 
reitet werden. 
Über den Sinn dieser Auffassung kann nach allem Vorhergehenden 
kein Zweifel bestehen; aber die stilgerechten Consequenzen aus diesem 
Verhältnisse müssen einer kurzen Erläuterung unterzogen werden. 
Es steht in keinem YViderspruche mit der constructiven Natur 
der Decke (wonach sie als der von den WVanden getragene Raum- 
abschluss nach oben erscheint), wenn sie in ihrer ornamentalen 
Decoration als schleehtweg leicht, schwebend und gleichsam mate- 
riell gar nicht vorhanden symbolisiert wird. Die horizontal-ebene 
Stroterendecke des griechischen Tempels mit ihrem sternbesäeten 
Cassettengrunde nicht minder als das in kühn emporstrebender Per- 
spective scheinbar sich öffnende barocke Deckenbild, sie huldigen 
beide diesem selben Grundsatze des künstlerischen Scheines, wonach 
die Decke, obwohl factisch, so doch nicht in der Idee der beengende 
Verschluss des Raumes nach aufwärts ist  in jener Richtung also, 
in welcher von jeher der menschliche Gedankenilug unbeengt und 
unbegrenzt sich zu bewegen bestrebt ist. 
Und in der That: wie verrnöchte gerade die zu höchster Be- 
geisterung entflamrnende, dem idealsten Ziele nachstrebende Kunst 
es zu übernehmen, den menschlichen Geist an die beengenden Grenzen 
seines irdischen Daseins zu erinnern, wie sollte gerade ihr die Auf- 
gabe zufallen, den Menschen, welchen zu erheben sie bestimmt ist, 
als ein in seinem WVirken an die Oberfläche des Erdballes festge- 
banntes Geschöpf zu kennzeichnen?! 
Deshalb ist es also ein gegen jeden Zweifel gesichertes und 
übrigens uraltes Stilgesetz, wonach die Decke in ihrer constructiven 
Zwecklichkeit nicht augenfällig gemacht, sondern weit eher und mit 
allen Mitteln der Kunst verleugnet werden soll. Indem die Decke 
solcherart gleichsam außerhalb des Rahmens der baulichen Construe- 
tion fällt, wird sie der Ort jener höhern ornamentalen Darstellung, 
welche stets da sich am reichsten und ungehindertsten zu entfalten 
vermag, wo sie von den Rücksichten auf constructive Verhältnisse 
befreit ist. 
Deshalb ist die Decke mit Recht der eigentliche Ort reicher 
malerischer Ausschmüekung, mit noch weit mehr Recht oder doch 
Feldegg, Grundriss der kunstgewerbl. Formenlehre. 6
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.