Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749356
war; denn das Bedürfnis, sich einen eigenen Raum, eine Umfrie- 
dung zu schaffen zu dem Zwecke, sich innerhalb derselben vor 
den Unbilden der Außenwelt zu schirmen, ist eben schon auf der 
ersten Bildungsstufe ein dem Menschen unvermeidliehes. 
Diesem frühen Bedürfnisse aber genügte auf die vollständigste 
und zweckentspreehendste WVeise die aufgespannte Teppichwand,  
wenn man will, das Zeltß) 
In ganz analoger Weise wie als YVand, d. i. als seitlicher 
Abschluss, functioniert der Teppich auch als Bekleidung des Bodens 
und als Decke, also als Abschluss nach Oben und Unten. 
Als Fußbodenbelag erfüllt er unmittelbar den Zweck, eine 
weiche und trockene Unterlage zu geben, den Menschen vor den 
Rauheiten und der Nässe des Erdbodens zu schützen. 
Als Decke oder Dach hat er eine zum Theil mit der YVantl 
verwandte Function, nämlich insoweit er, gleich dieser, die von oben 
eindringenden atmosphärischen Einflüsse und die Sonnenstrahlen 
abzuhalten bestrebt ist, weshalb auch im primitiven Zeltdach Wand 
und Decke noch miteinander zu einem Ganzen verbunden sind. Ihre 
Trennung in eine verticale Wand und in ein selbständiges Dach ist 
erst die Folge des Bedürfnisses nach Vergrößerung des Raumes, 
welcher durch die schräge Stellung der Zeltfittchen allzusehr ein- 
geengt wird. Nach alledem haben wir die YVand, den Fußboden- 
belag und die Decke als die drei wesentlichen und primitiven 
Motive eines vollständigen Raumabschlusses zu betrachten; den 
Teppich aber als das ursprüngliche Vorbild und den Repräsen- 
tanten dieser drei lllotivefl) 
Leider reichen die Zeiten dieser allerersten baulichen Praxis zu 
weit zurück, als dass noch Überreste derselben sich erhalten hätten. 
i) Ist solcherart der Teppich in der That der Hauptbestandtheil der primi- 
tiven Umfriedung, so fehlt ihm doch wiederum an und für sich naturgemäß jene 
Steifheit, welche nöthig ist, soll er als ein in sich festes Ganzes einen Rauln" 
wirklich abschließen. Dies zu bewirken und so vollends den Teppich in seiner 
Natur als raumabschließende Fläche zur Geltung zu bringen, ist das tektoni- 
sche Gerüste bestimmt. Wir werden dem Verlauf unserer Untersuchungen nicht 
ullzusehr vergreifen, wenn wir schon an dieser Stelle das Wesen des tektonischen 
Gerüsten mit einem Wort bezeichnen:  als eine Zusammenfügung starrer, stahförmiger 
Theile zu einem rahmen- oder gitterartigen System.  Indem wir uns nun den 
Teppich innerhalb des Umfanges der Rahniung ausgespannt denken, haben wir das- 
Motiv der textilen Wand, die primitive Form des Raumabschlusses vor uns. 
2) Freilich hat selbst diese primitive textil-tektonische Form ihren, allerdings 
unmittelbaren, Vorläufer und zwar ixn Zaungeflecht. Ein Beispiel solcher Zaun- 
gedeehte bieten uns die Hütten und Umfriedungen polynesischer Dörfer, worüber
        

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