Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749262
Das 
Flachornament; 
dessen 
oberster 
Grundsatz. 
 iWir wissen, dass die gesammte Körperwelt in den drei räum- 
Ilichen Dimensionen der Länge, Breite und Tiefe zur Erscheinung 
gelangt. Das menschliche Auge aber, welches ursprünglich bloß in 
der Fläche, also in der Lange und der Breite allein, nicht aber 
zugleich auch in der Tiefe sieht, macht die Wahrnehmung von dieser 
dritten Dimension erst allmählich und im Verlaufe seiner natürlichen 
Bildungsjahre. Mit andern Worten: das perspeetivische, das körper- 
liche Sehen ist das Resultat eines ziemlich langwierigen Bildungs- 
Iprocesscs des menschlichen Sehvermögens. 
Einem bewussten, absichtlichen Verzicht nun auf dieses Resultat, 
einer freiwilligen Rüekehr zu der primitiven, sozusagen angeborenen 
Vorstellungsweise des menschlichen Auges ist es zu vergleichen, 
wenn die ornamentale Kunst in einer ganzen, großen Gruppe von 
Formen, den Flachornamenten, die laörperliche Ausdehnung grund- 
sätzlich ausschließt, sich bloß auf die beiden Dimensionen der Breite 
und der Lang-e beschränkend. 
In dem Maße aber als diese bewusste Einschränkung sich von 
jener unabsichtliehen Mangelhaftigkeit im Sehen unterscheidet (wie 
wir sie beim sehungewohnten Auge antreffen),  in demselben 
Maße auch verschieden ist der Charakter des Flachornaments von 
der primitiven Darstellung des die Natur in den Grenzen bloß zweier 
Dimensionen erblickenden Auges. Denn, obgleich hier wie dort die 
dritte körperliche Dimension, um welche sich diese ganze Frage 
dreht, grundsätzlich umgangen erscheint, so geschieht dies doch jedes- 
,mal auf gänzlich verschiedene Weise. Im letzteren Fall durch die 
Ersetzung des wahren perspectivischen Tiefenbildes durch das flache 
Vorstiellungsbild, welcher Vorgang gleich kommt einem Umklappen 
-der Tiefe des Bildes in die Fläche desselben; im ersten Fall hingegen 
durch die gänzliche Ausscheidung jener Gebilde aus dem Bereiche 
der Darstellung, welchen die Tiefendimension wesentlich anhaftet. 
Das Merkwürdige aber ist, dass beide Methoden, consequent durch- 
geführt, zuv charakteristischen Formgebungen führen, welchen man 
den Rang von Stilen zusprechen muss. So ist jene primitive An- 
schauungsweise des naiven, sehungeübten Auges in allemuwesent- 
liehen mit dem chinesisch-japanischen Flachornament in Uberein- 
stimmung, dessen größte Stilverschiedenheit von der AuHassung 
.z. B. des Renaissanceprineipes sich genügend aus der geschilderten 
"Verschiedenheit jener zwei Darstellungsmethoden erklären lässt. 
        

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