Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749069
man sich einer geeigneten Vorrichtung am Webstuhle, derart, dass 
für jeden Schuss, der selbständig abbindet, ein besonderes Organ im 
Mechanismus nothivendig wird. Einer zu eomplicierten Einrichtung 
des Webstuhles durch übergroße Vermehrung dieser Organe auszu- 
weichen, ist man nun gezwungen, dasselbe Muster zu wiederholen. 
In analoger Weise knüpft man auch alle Kettenfäden gleicher 
Bindung an ein gemeinschaftliches Organ und benöthigt also auch 
für diesen Fzill jedesmal soviele selbständige Organe, als es Ketten- 
fäden gibt, die eine andere Verflechtung haben. 
Über je weniger Kettenfäden sich ein Muster erstreckt und 
also, je mehr Wiederholungen (der Breite nach) vorkommen, um so 
weniger Aushebeorgane hat man nöthig, um so einfacher ist daher 
die Einrichtung des WVebstuhles.  
Aus diesen Gründen ist die Wiederholung des Musters nach 
Länge und Breite nothwendig und ergibt sich uns das Gewebe 
als ein wesentlich eurhythmisches d. h. dem Gesetze der WVieder- 
kehr unterworfenes Gebilde schon an dieser allerersten Stelle und 
vom rein technischen Standpunkte. 
Dieser rhythmische Grundcharakter desGewebes wird 
nun auch in der 'l'extilornzunentik zum Ausdruck gelangen 
und von den drei ornarnentalen Grundgesetzen somit das 
Gesetz der Eurhythmie die 'I'extilformen in bezeichnender 
NVeisc beherrschen. 1) 
 Es darf indessen nicht verschwiegen werden, dass dieses Merkmal textiler 
Ornamentik für eine ganze große Gruppe überaus wertvoller Erzeugnisse der Textil- 
kunst nicht zutriHt, für jene textile Producte nämlich, welche  über die Grenzen 
einer bloß technischen Kunst hinausragend  die Kunst der Malerei mit ihren 
Mitteln zu erreichen suchen. Es sind dies jene _Gewebearten, welche unter dem 
Namen Gobelins oder niederländische Teppiche bekannt sind und bei welchen die 
Wirkung von Gemälden mit allen diesen eigenthümlichen Licht- und Farbeneffecten 
durch einen die Kette vollständig deckenden Einschlag hervorgebracht wird. Man 
muss sich gestehen, dass hiebei in der Thzxt weit eher von einer Malerei mit dem 
farbigen Faden, als von einer aus der Technik des Webstuhles hervorgegangenen 
ornamentalen Kunst die Rede Sein kann. Gleichzeitig aber stehen wir hier vor den 
aller-herrlichsten Schöpfungen menschlicher Kunst, welchen gegenüber jede Art von 
Purismus nur zu beklagen wäre. 
Die Gobelins, so wenig sie daher auch jemals als das allgemeine Vorbild textil- 
ornamentaler Kunstweise zu gelten vermögen, als welches Vorbild sie  ein mit den 
Mitteln der niederen Kunst unerreichbares. Ideal  nur verwirrend wirken würden, 
diese selben Gobelins werden, an sich betrachtet und losgelöst von jeder strengen 
technisch-stilistischen Beziehung stets bewunderungswürdige Leistungen des Kunst- 
gewerbes sein und bleiben. 
        

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