Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748806
gleiche Stockwerkshöhen ein architektonischer Fehler. Sie sind aus- 
nahmsweise nur da gestattet, wo eine eurhythmische Wirkung (also 
keine proportionale) nach der Verticalen eintritt, während es die 
Regel ist, dass Eurhythmie nach der Horizontalen fortschreitet.  
Rhythmische Wirkung nach der Höhe findet statt beim Thurm, ins- 
besondere dem italienischen Glockenthurm (Campanile), nreil hier die 
besondere Höhe des Objects im Vergleich zur Breite ein rhythmisches 
Aufwärtsstreben zulässig erscheinen liisst, ja bis zu einem gewissen 
Grad erfordert. Ganz Ähnliches wie für die Stockwerke gilt auch 
für die Theilung einer Wandßitche im Innern; aber selbst bei propor- 
tionaler Gliederung von zur Senkrechten beziehungslosen Flächen, 
wie sie bei kunstgewerblichen Objecten (als beweglichen Gegen- 
ständen) vorkommen, ist von gleich großen Theilen abzusehen. Freilich 
darf nicht unerwähnt bleiben, dass hier auch die Coneurrenz, 
welche zwischen gleich Großem allemal eintritt, ihre störende Wirkung 
bemerkbar macht und zwar zu Gunsten des Ungleichen. Das Gesetz 
aber, welches dieser Erscheinung zugrunde liegt, ist das Gesetz der 
Unterordnung. 
VI. Das Gesetz der Unterordnung. Ein, wenn nicht die 
gesammte ornamentale Kunst, so doch die abendländische be- 
herrschendes Princip, wonach jedes Ornament in Haupt- und Neben- 
züge gegliedert ist, von welchen stets diese sich jenen anzupassen 
haben.  Das Herrschende (die Hauptzüge) im Ornament sind die 
großen durchlaufenden Linien, um welche sich, als um das Gerippe 
und Grundgerüste des Ganzen, die übrigen Theile des Ornaments 
gruppieren. Das Nebensächliche aber ist stets das Detail, also das 
einzelne Blatt, die Blüte, der Blütenkelch, die Rosette, die flachen- 
füllende, rankenförmige Endigting, ja mitunter selbst das ins Orna- 
ment mitverflochtene tigurale Wotiv u. s. w. 1) 
 Ich kann uichtbunterlassen, hier darauf hinzuweisen, dass man dieser beim 
Großen, beim Allgemeinen beginnenden und beim Kleinen, Besondern endigeuden 
 also gleichsam deductiven  Natur des Ornaments auch beim Zeichnen des- 
selben, zumal beim Entwerfen, Rechnung tragen muß dadurch, dass man, gleichen 
Schritt haltend mit ihr, bei der Hauptbewegung beginnt und das Detail dann erst 
hinzufügt, bis jene richtig wiedergegeben und völlig festgestellt ist  nicht um- 
gekehrt.  Wir wissen nun zwar, dass der große Michel Angele seine Werke 
mitunter auf die Weise schuf, dass er, den Marmorblock vor sich, völlig ohne 
Modell und bloß das künftige Kunstwerk als gewaltiges Phantasiegebilcle in seinem 
Geiste festhaltend, bei einem Theile beginnend, Stück für Stück meiselte, bis endlich 
 scheinbar völlig inductiv!  das ganze Werk fertig dastandt  Allein, so wenig 
wir auch einen Zweifel setzen dürfen in diese paradoxe Mittheilung, so scheint mir
        

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