Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-750420
Die 
Grundform 
des 
Gefäßes. 
Wenn uns die Kunstgeschichte nicht mit einer jeden Zweifel 
ausschließenden Sicherheit die Erfindung der 'l'öpferscheibe als eine 
verhältnismäßig späte Neuerung in der Keramik kennen gelehrt hätte, 
wir würden uns in der That versucht fühlen, die spharoidisehe 
Grundform der Gefäße aus der Kunst des F ormendrehens abzuleiten. 
So freilich wissen wir, dass dieselbe den Gefäßen schon eigenthümlich 
war, noch lange bevor man diese auf der Scheibe drehte, also zur 
Zeit des sogenannten plastischen Stiles in der Keramik, dessen ur- 
sprüngliche ltunstgeschichtliche Bedeutung wir im ersten Theile 
dieses Capitels bereits festgestellt haben. 
Darf aber auch solcherart nicht in der Technik der Töpferei 
die bestimmende Ursache der sphäroidischen Grundform der Gefäße 
gesucht werden, so können wir dennoch diese von den Urkeramikern 
so ersichtlich principiell festgehaltene Formgebung unmöglich als 
eine rein zufällige bezeichnen, sondern müssen vielmehr nach einem 
tieferen Grund für dieselbe forschen; einen Grund freilich, welcher 
sich von vornherein insoferne einer völlig sichern Beurtheilung 
entziehen dürfte, als alle sicheren Schlüsse in der Urgeschichte der 
Künste eben größtentheils auf der Ableitung aus der technischen 
Seite des Gegenstandes beruhen. 
Nehmen wir jedoch einmal ausnahmsweise die zweckliche 
Idee eines Kunstproductes als den alleinigen bestimmenden Grund 
für dessen Gestaltung an, so ergibt sich in unserm Falle die Wahl 
jener "Urform" aus dem ursprünglichen und natürlichen Zweck eines 
Gefäßes, als Umfassendes eines Flüssigkeitsquantums zu dienen, ziem- 
lieh ungezwungen. 
Gleichwie nämlich die Gestalt aller frei sich zur Einheit ballen- 
dcn flüssigen Stoffe eine kugelförmige ist, so muss auch das diese 
Einheit umfassende Gefäß sich spharoidisch gestalten.  Welche 
tiefe Gesetzmäßigkeit aber dieser sphüroidischen Form einer frei in 
sich abgeschlossenen Flüssigkeitslnenge zu Grunde liegt, dies er- 
kennen wir im großen im Bilde unserer einstmals flüssigen Welt- 
kugel, im kleinen aber und immer wieder von neuem in jedem 
fallenden Regentropfen. 1) 
1) Die aus flüssiger Masse gebildeten Glastropfen und Thräncnüäschchen sind 
ein künstlerisch belebter Nachklang der geschilderten Naturerscheinung; nur leider 
ist das Glas nicht keramischer  Urstoff!
        

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