Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-750346
Anders stellt sich die Sache, wenn der Künstler bei seiner Ar- 
beit sich eines WVei-kzeugs oder einer maschinellen Vorrichtung be- 
dient, welche (bei aller Einfachheit!) dennoch geeignet ist, auf 
die formelle Entwicklung und künstlerische Gestaltung des Werkes 
einen wesentlichen und bestimmenden Einfluss zu nehmen. (Denken 
wir hier zurück an die Durchbildung des Gewebes, dessen wesentlich 
eurhythmische Ornamentation mithervorgegangen ist aus der Procedur 
am Webstuhl. Siehe Seite 57 u. w.) Da. ist die freie Phantasie des 
Bildners nothwendig darauf angewiesen, einen Theil der Arbeit 
dem Mechanismus zu überlassen und die Unterstützung, welche 
dadurch der Technik des Kunstgewebes zutheil wird, in ihren ästhe- 
tischen Consequenzen zu acceptieren  und zu benützenß) Ein 
solcher mechanischer Behelf für die Keramik ist die Töpfe r- 
scheibe.  Dieselbe besteht im Wesentlichen aus einer am obern 
Ende einer verticalen, eisernen Axe befindlichen horizontalen Scheibe 
und einem Schwungrade, welches parallel mit der Scheibe an1 ent- 
gegengesetzten Axen-Ende befestigt ist.  Nachdem der Töpfer 
die llrIasse inmitten der Scheibe gelegt hat, setzt er das Schwung- 
rad (entweder mittels der Füße oder mittels eines Mechanismus) in 
drehende Bewegung und hält seine Hände mit gelindem Druck gegen 
die sich gleichfalls u. zw. um die eigene Axe drehende Masse. Hält 
er den Daumen in den Mittelpunkt und drückt abwärts, so entsteht 
eine Höhlung; fasst er die Wand des Gefäßes zwischen Daumen und 
Handfläche, so kann er jene beliebig verdünnen und erhöhen u. s. W. 
Ist das Gefäß in seiner Hauptmasse auf diese Weise geformt, 
so wird ihm mit Hilfe eines entweder geradlinigen oder gekrümmten 
Steges die feine Modellierung ertheilt, stets aber dabei die rotie- 
rende Bewegung beibehalten. Ganz zuletzt werden die noth- 
wendigerweise plastischen Theile, wie der Henkel, die Füße etc. 
mittels weicher Masse angekittet. 
Die Proeedur auf der Töpferscheibe verfolgt dasselbe formelle 
Princip wie die Drechslerei, ist gleichsam eine auf die Töpferei 
angewandte Hohldrechslerei. Sie hat daher mit dieser das formelle 
Grundmotiv: radiale Anordnung zu der Richtungslinie des Gegen- 
standes gemein.  Inwiefern dieses formelle Motiv mit einem 
andern Grundgesetz der Keramik übereinstimmt, werden wir später 
1) Eine angemessene Beiorrlnung zwischen mechanischen Hilfskräften und freiem 
Schafen wird die Kunst stets heben; jede Unterordnung dagegen sie verringern. Bloße 
Handfertigkeit erzeugt Werke einer rohen, niedern Culturstufe;  bloßer Mecha- 
nismus liefert Fabriksware  aber keine Kunstwerke.
        

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