Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-750123
rakter in der tektonischen Construction von Rahmen undFüllung 
auszudrücken imstande ist, möge beistehendes erstes Beispiel eines 
Schrankes deutscher Arbeit illustrieren. 
Die Rahme, als der structiv wirksame Theil, tritt überall deut- 
lich in dieser Eigenschaft durch eine gewisse vereinfachte ornamen- 
tale Behandlung und gleichzeitige kräftige Betonung der tektoni- 
sehen Richtungslinien hervor. Die Füllungen dagegen, structiv selbst 
unwirksam, sind der Ort eines reichen, jedoch meist flachen Reliefs 
oder auch ganz glatter Intarsia-Dccoration. Das Ganze ist frei 
von tendenziös-architektonischen Anspielungen, wie solche nicht 
selten bei Arbeiten späterer Zeit in allerlei der Baukunst ent- 
nommenen Motiven sich bemerkbar machen,  in Form von Säulen, 
Bogenstellungen, Ballustraden, Consolen und dergleichen. (Siehe 
das zweite beistehende Beispiel eines deutschen Renaissanceschrankes, 
in welchem übrigens trotz der architektonischen Detaillierung der 
Möbeltypus im Ganzen glücklich getroffen ist.) 
Es erübrigt nach dieser allgemeinen Erklärung des Schrankmö- 
bels kaum noch, einige gelegentliche Worte über ein dem Schranke 
nahe verwandtes und in den wesentlichsten ornamental-structiven 
Merkmalen übereinstimmendes Möbel, den Kastenschrank, die so- 
genannte Commode zu sagen. Der Unterschied zwischen beiden 
Formen ist ein rein äußerlicher, indem bei sonst gleichem Zweck und 
demgemäß analogem Constructionsschema bloß die ornamentalo Haupt- 
richtung der Commode in die Breite geht, anstatt wie beim Schrank 
in die Höhe: entsprechend dem Umstandc, dass in der Commode 
die aufbewahrten Gegenstände in horizontal übereinander ange- 
ordnete, schiebbare Laden gelegt und nicht wie beim Schranke in 
der Regel gestellt oder aufgehängt werden. 
Aus diesem Grunde auch ist die Commode der Truhe noch 
naher stilverwandt, als dies schon der Schrank ist, ja gewissermaßen 
bloß deren modiiicierte Multiplication. 
Durch die nothwendige relative Stabilität ist die Commode ein 
Halbmöbel gleich dem Schrank und somit denselben structiven Stil- 
bedingungen unterworfen wie dieser.  Die hochbeinige Roc0co- 
Commode ist aus diesem Grunde, wie schon erwähnt, in ihrer Form 
verfehlt und eigentlich "stilles": Der Begriff "Stil" nicht aus den 
Consequenzen einzelner historisch beglaubigter Kunsttraditionen, son- 
dern aus den für alle Zeiten giltigen, inneren ästhetischen Bildungs- 
factoren, Zweck und Stoff, abgeleitet.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.