Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-750104
Also gemach mit gerade dem Vorwurf gegen die Gothik, dass 
sie ein Möbel eingemauert habe!  1st aber die Gothik schon in 
diesem Sinne entschuldbar, so wird sie es noch mehr, wenn wir die 
eigentlich tektonische Natur unseres Möbels näher untersuchen. Der 
Schrank, wie auch der ihm stilverwandte Kasten ist zunächst ein 
Bewahrungsort, d. h. bestimmt, Gegenstände unseres Besitzes aufzu- 
nehmen, welche sowohl ihres Wertes als auch ihrer Erhaltung wegen, 
einer sorgfältigem Aufbewahrung, eines Schutzes bedürfen. Nebst 
dem zweekangemessenen Raum ist es deshalb eine gewisse solide 
Sicherheit, welche der Schrank dem Inhalte bieten muss, soll er 
seine Aufgabe erfüllen. Es liegt auf der Hand, dass weder be- 
schränkte Dimensionen, noch eine zu große Beweglichkeit diesen 
Anforderungen entsprechen. Eine gewisse behäbige Breite und so- 
lide Derbheit der Form werden daher den Schrank in seinem 
Zweck nur zu unterstützen geeignet sein, und wenn nun auch 
diese beiden Eigenschaften völlig ausreichen und es keineswegs 
nothwendig erscheint, den Schrank gänzlich in das Gebiet der 
unbeweglichen, architektonischen Construction zu verweisen  wie 
dies beim Wandschrank zutrifft  so liegt dieses Zuvicl doch im 
Geiste der Sache und ist gleichsam der künstlerische Grenzwert 
derselben. 
Auch die Renaissance, obgleich sie den Schrank wieder zum 
Möbel gemacht hat (und dies von einem andern Standpunkte mit 
Recht, welches nach allem vorhergegangenen hier keiner weitern 
Begründung bedarf) hat im wesentlichen die gleiche Auffassung 
bekundet und den Schrank zu jenem Halbmöbel gemacht, dessen 
zum guten Theil architektonische Durchbildung in der That ein 
zweites Princip im Möbelbau bezeichnet. So ausgesprochen ist hie- 
bei die architektoniesierende Tendenz in der Construction und der 
Ornamentation, dass die spätere Barockarchitektur, wie schon er- 
wiähnt, den größten Theil ihrer Formen diesem Möbelstil zu ent- 
lehnen vermochte, ob mit Recht oder Unrecht, soll unentschieden 
bleiben, jedenfalls aber aus gutem Grunde. 
Inzwischen soll hier, ganz selbstverständlich, am wenigsten 
jenem Möbelstil das Wort geredet werden, welcher im Sinne dieses 
halbarchitektonischen Grundsatzes des Möbelbaues die Sache auf die 
Spitze treibt; bedeutet doch ein selbst richtiges Princip in der Kunst, 
wenn bis in die letzten Consequenzen verfolgt, fast stets den Beginn 
des Verfalls, ganz abgesehen davon, dass schon die Verschiedenheit 
zwischen dem architektonischen und dem tektonischen Material, also
        

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