Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748678
Eurhythmie, Symmetrie und Proportion umfassen solchergestalt 
alle nur immer möglichen Eigenschaften des Ornaments und es gibt 
keine Eigenschaft, welche sich nicht aus einem dieser drei Gesetze 
erklären, nicht einem dieser Gesetze unterordnen ließe, ebensowenig, 
als es, wie schon gesagt, noch ein viertes Gesetz gibt, auf welches 
irgend eine Eigenschaft des Ornaments zurückgeführt werden könnte. 
Diese Gesetze sind daher der Schlüssel zum Verständnisse des Orna- 
ments, und es ist deshalb nothwendig, bei jedem einzelnen von ihnen 
etwas langer zu verweilen.  
Vorerst aber wollen wir noch einer eigenthümliehen und gewiss 
interessanten Thatsache gedenken, welche uns beim Verfolg dieser 
drei Gesetze in der Kunstgeschichte sofort atlffällt, nämlich, dass 
diese Gesetze keineswegs, wenn man so sagen kann, gleichen Ranges 
sind, sondern zweifellos in Reihenfolge aus dem menschlichen 
Kunstvermögen geboren werden sind,  entsprechend dem Umstande, 
dass zur Auffassung jedes dieser drei Gesetze im Ornamentalen nicht 
die gleiche Reife und Bildung des menschlichen Geistes erforderlich 
ist.  Um beispielsweise in einer Reihe gleicher Figuren das Wesen 
der Eurhythmie zu erblicken, dazu gehört nicht mehr, als die F ähig- 
keit, gleiche Entfernung, gleiche Lage und gleiche Größe zu beur- 
theilen; eine Fähigkeit, welche sich nicht bloß etwa im künstlerisch 
ungebildeten Culturmenschen, sondern auch bei verhältnismäßig rohen 
Naturvölkern linden wird. Wir sehen demgemäß das rhythmische 
Ornament (die Reihung) an den primitivsten gewerblichen Gebilden 
einer noch auf tiefster Stufe stehenden Cultur in der Kleidung (als 
Saum), der Ausschniückung von Waffen, Gefäßen, Geriithschaften etc. 
Als ein Kunstgebilde von höherer Bedeutung müssen wir das 
Ornament von entschieden symmetrischer Durchbildung, als noch 
höher stehend aber jenes betrachten, bei welchem von Proportion die 
Rede sein kann. Und in diesem Sinne sei es mir gestattet, auf einen 
höchst merkwürdigen Zusammenhang oder eigentlich Parallelismus 
hinzuweisen, welcher sich ergibt, wenn man diese ornamentale 
Entwicklung in Vergleich zieht mit der natürlichen Entwicklung im 
organischen Leben, und zwar beide in aufsteigender Stufenleiter 
betrachtet. Unter den drei ornamentalen Gesetzen ist, wie soeben 
erhärtet, das rhythmische das primitivste; ihm entspricht unter den 
organischen Reichen der Natur das gleichfalls niederste, das Pflanzen- 
reich.  Rhythmische Anordnung erscheint hier fast als ein natür- 
liches Bildungsprincip und zwar in der Entfaltung des Blattes aus 
dem Stängel in unzähligen Variationen. Schon höher als die 
1?" 
        

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