Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749955
vielmehr als der Ausfluss einer höhern, den Menschen in seiner Weise 
weit über das Thier "erhebenden Bestimmung uns zu erscheinen haben. 
Denn die Anhänglichkeit an die (nicht die Abhängigkeit von der) 
Scholle, der Drang nach Sesshaftigkeit, das „W0hnen" am eigenen 
Herd sind das echte und untrügliche Zeichen des Überganges eines 
Volkes aus dem Urzustand der "Wildheit in das Stadium der Civilisation. 
Es ist gegenüber dieser allgemeinen 'l'hatsache eine ziemlich 
müßige Aufgabe, zu untersuchen, wie wohl dieser allererste Über- 
gang von Wildheit in Civilisation sich vollzogen haben mag, mit 
andern Worten, wie denn jenes ursprünglichste „W0lmen" des 
Menschen eigentlich zu denken sei. Hingegen ist es von zweifellosei- 
Wichtigkeit, sich darüber klar zu werden, nach welchem Grund- 
satze und allgemeinem Bedürfnisse bei der Errichtung der mensch- 
lichen Wohnhütte verfahren worden sein mag;  eine Frage, Welche 
allerdings in der Vorstellung jeder hochentwickelten und daher in 
lauter conventionellen Gewohnheiten großgezogenen Zeit keinen rech- 
ten Platz findet, die aber dem Anfang der Culturentwicklung gegen- 
über ihre volle Berechtigung hat, ja noch mehr als dies, an jenem 
Anfange sogar nothwendig aufgeworfen worden sein musste. Denn 
damals hatte noch nicht, wie heute, Jahrhunderte langer Gebrauch 
der mannigfaltigsten Gerathschaften es überflüssig gemacht, über 
deren Form und eigentlichen ursprünglichen Zweck nachzudenken. 
Wir allerdings müssen, um auf diesen Standpunkt zu kommen, 
uns in ein gewissermaßen absichtliches Erstaunen über sonst uns 
eigentlich "Selbstverständliche? versetzen, wenn wir uns die Frage 
vorlegen, aus welchem Grunde gewisse 'l'ypcn, z. B. unseres Möbel- 
wesens, in ihrer Eigenart entstanden sind und welchem allgemein 
menschlichen Zweck, welcher culturellen Idee sie zuletzt ent- 
sprungen sindß) 
1) Es entspricht der Tendenz dieses Buches durchaus, wenn wir eine solche 
Frage hier stellen; denn wir haben von dem ganz gleichen Gesichtspunkte aus auch 
bisher unsern Gegenstand betrachtet, welche Betrachtung uns eine Analyse, eine 
Erklärung, keine bloße Beschreibung der Form gehen sollte. 
Jedem technischen Gebilde geht nothwendig eine Idee voraus, welche es in 
seiner allgemeinen constructiv-ornamentalen Gestaltung bestimmt. Diese Bestimmung 
ist aber keine müssige Erfindung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr her- 
vorgegangen einerseits aus dem zwecklichen Bedürfnisse und anderseits dem tech- 
nischen Materiale, in welchem die Idee verwirklicht werden soll. 
Diesen doppelten Ursprung der constructiv-ornamentalen Idee eines technischen 
Productes auf den drei Gebieten der Textrie, Tektonik und Keramik nachzuweisen, 
ist der eigentliche Zweck dieses Buches. 
9a:
        

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