Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748664
Unter Eurhythmie, Rhythmus, Reihung, Wiederkehr versteht 
man im Ornamentalen die YViederholung des Gleichartigen. Symmetrie 
dagegen ist die in Bezug auf eine mittlere Axe  die Symmetrieaxe 
 entgegengesetzte Lage ähnlicher Gebilde. Proportion endlich ist 
das Verhältnis, die Beziehung des Ungleichen zu einander. 
Vor allem ist in Betreff dieser Gesetze ziveierlei zu bemerken. 
Zuvörderst, dass sie, wie schon aus ihren Definitionen erhellt, un 
mittelbar auf einer dem menschlichen Geiste innewohnenden Vor- 
stellungsweise beruhen, vermöge welcher allein wir im Stande sind, 
ihre YVirkung zu verstehen.  
S0 beruht die YViederkehr unmittelbar auf de111 ZahlbegriH, der 
Vielheit, sowie der WVahrnehmung des Gleichartigen; die Symmetrie 
unmittelbar auf der Anschauung von rechts und links, wie sie J eder- 
mann in hervorragender YVeise von seinem eigenen Körper hat. Die 
Proportion endlich ist vollends Sache des feinfühligen Augesund kann 
bekanntlich weder durch Regeln der Construction noch der Logik 
ursprünglich dargelegt werden.  
Wir können daher in der That sagen, dass jedes dieser drei 
ornamentalen Grundgesetze unmittelbar Ausdruck eines speciüschen 
geistigen Vermögens des Menschen ist, und es wird uns deshalb 
begreiflich sein, dass kein weiteres, viertes, Gesetz gedacht werden 
kann, welches im Verlaufe der Zeiten etwa dazu erfunden werden 
könnte, in der Art, dass unser Geist hierbei gleichsam um eine neue 
Function, ein neues Vermögen bereichert werden würde. 
In gleicher Weise erklärt sich, dass diese drei Grundgesetze 
in den bildnerisehen, zumal den ornamentalen Werken aller Völker 
und aller Zeiten, so weit entfernt sie von einander auch liegen 
mögen, zum Ausdruck kommen. 
In einer zweiten Hinsicht wiederum ist in Betreff dieser drei 
Gesetze zu bemerken, dass keines von ihnen an jedwedem Orna- 
ment sich vorlinden muss, vielmehr, dass sie entweder bloß vereinzelt 
oder aber paarweise, und nur in manchen Fällen alle drei zugleich 
an cinem- und demselben (ihnamentc vorzukommen laliegen. 
Also ein Ornament ohne Rhythmus ist ganz gut möglich, ebenso 
ein anderes ohne Symmetrie; desgleichen braucht auch das, was ich 
Proportion nannte und später näher erläutern werde, sich an einem 
Ornamente schlechterdings nicht vorzufinden. Dagegen aber wird kein 
Ornament auch nur gedacht zu werden vermögen, an welchem k ein 
einziges dieser drei Gesetze nachweisbar wäre, und es mu ss daher 
eines dieser Gesetze -wenigstens!  jedem Ornament zugrunde liegen.
        

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