Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749856
hüuüge Verwendung der Spirallinie in den urwüchsigsten und primi- 
tivsten ornamentalen Gebilden, den Tätowierungen der Naturvölker, 
und es ist in diesem Sinne gewiss mehr als bloße Zufälligkeit, wenn 
ein der menschlichen Haut, diesem natürlichen Leibesschutz, in der 
Idee sehr verwandtes, nur künstliches Gebilde, wie das eherne 
Schutzkleid, in seinen ältesten Formen jene ornamentale Urform 
aufweist. 
„Als muthmaßlieh ältester Ringsehutz sind die merkwürdigen 
Drahtspiralen anzuführen. Sie dienten zum Schutze der Brust, des 
Halses, der Arme und Fußgelenke, gleichzeitig zur Zierde dieser 
Theile. Ihre Federkraft gibt ihnen die zu diesem Zwecke nöthige, 
mit ziemlich bedeutender Resistenz verbundene Geschmeidigkeit, 
welche Eigenschaften das frühere Zeitalter mit richtigem Stilsinne 
benützt, wie keineswegs seltene Funde beweisen," (Semper II. Band, 
Seite 485), wonach die Frage eigentlich offen bleibt, 0b in diesen 
Spiralornamenten ein Nachklang an die uralte Tätowierung oder aber 
vielleicht eine Concession an das neue metalloteehnisehe Stilerfordernis 
zu erblicken ist, in welchem Falle dann in der That die techni- 
sche Nothwendigkeit die Itlrfinderin, oder sagen wir wenigstens die 
Veranlassung gewesen wäre, jene Form zu ihrer teehnisch-ornamen- 
talen Bedeutung zu erheben. 1) 
Wie dem aber auch sein mag, auf jeden Fall müssen wir die 
Spiralform als eine Urform des Schmiedeisengitterwerks selbst der 
allerersten Periode ansehen. Denn die ältesten bekannten schmied- 
eiserncn Gitter, zumal die frühen romanischen, kommen über die 
Anwendung derselben gar nicht hinaus. Erst einer spätern Zeit 
ist es vorbehalten geblieben, diesen in seiner naiven Menotonie fast 
ermüdend wirkenden Metallstil durch ein neues Formelement zu be- 
leben, d. h. die Gerade neben der Spirale als zweites Formelenlent 
einzuführen. 
1) Viel weniger freilich noch als einer Art apriorischen Formengefiihls ver- 
dankt die Kunst im Allgemeinen ihre Formensprache einem Vorganges, der  eine 
Art Naturnachäifung  die Vorbilder natürlichen Wachsthums als Modelle orn-a- 
mentaler Erfindung betrachten würde. Die  unlänghar vorhandene  Analogie 
zwischen natürlichen und ornam e ntalen Bildungen ist keineswegs Resultat einer 
zielbewussten und absichtlichen Wiederholung des natürlichen Vorgangs innerhalb der 
Kunst, vielmehr ein Parallelismus jener beiden, eine Art Nachklang vorhergegangener 
makrokosmischcr Geschehnisse im Mikrokosmos, im menschlichen Individuum. 
Ähnlicher Meinung scheint eben auch Semper zu sein, wenn er (VII. Band, 
Seite 486) die ältesten ornamentalen Motive rein technischen Ursprungs sein lässt 
und ihre Proveilienz aus natürlichen Formen ausdrücklich negiert.
        

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