Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundriss der kunstgewerblichen Formenlehre
Person:
Feldegg, Ferdinand von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-748370
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-749843
hölzernes, ganz entsprechend dem, dass anderseits unsere modernen 
Möbel aus gebogenem Holze eben nicht Holz-, sondern Metallstil 
sind, woran die materielle Möglichkeit, Holz zu biegen, nicht das 
Geringste ändert; denn die Kunst richtet sich in ihren Gestaltungen, 
nicht nach den Aussagen der gleichsam auf die Folter gespannten 
Natur, und die außerordentlichsten Leistungen, auf diese Weise der 
Natur erpresst, sind ihr gleiehgiltig, ja verhasst. Die glänzendsten Er- 
findungen und Siege der technischen Wissenschaft sind in diesem Sinne 
leider nur zu oft die empfindlichsten Niederlagen der Kunst gewesen! 
Die bis zur letzten geometrischen Consequenz fortgeführte 
elastische Linie ist die Spirale. Sie ist der Repräsentant elastisch- 
federnder Kraft. Die Resultante zwischen zwei constant wirkenden, 
verschiedenen Bewegungs- respeetive Kraftrichtungen ist zunächst und 
unter allen Umständen eine gesetzmäßig verlaufende continuirliche 
Curve. Dieselbe kann in ihrer Gesammtheit, rein mathematisch ge- 
nommen, von bloß endlicher Länge oder unendlich lang sein. Für 
die auf dem Boden voller Realität stehende bildende Kunst hat nur 
der erste Fall Bedeutung. Soll die Curve innerhalb endlicher Grenzen 
bleiben, so ergibt sich die Nothwentligkeit einer wenigstens näherungs- 
weisen Rückkehr zum Ausgangspunkte. Dieser Forderung entspricht 
unter den in sich geschlossenen Kegelschnittslinien, die Ellipse (resp. 
der Kreis), unter den nicht geschlossenen Curven die Spirallinie. 
Während im Kreis nun durch die völlige Rückkehr zum Ausgangs- 
punkte eine Unterstützung des federnden Endes herbeigeführt wird, 
bleibt in der am eignen Ausgangspunkte vorübergleitenden und so 
gleichsam die Gelegenheit zur Erstarrung verpassenden Spirale die 
Idee der elastischen Linie vollständig erhalten. 
Dieser eminenten Eigenschaft der Spirale, die elastische Kraft 
sinnfällig zu repräsentieren, ist in der hervorragenden Verwendung 
dieser Linie im Metallstil Rechnung getragen. Die Spirallinie ist 
demgemäß das wesentlichste Formelement des Inetalli_ 
sehen Stabwerkes. 
An der ursprünglichen Verwendung dieser Form im Metallstil 
darf nach all' dem nicht gezweifelt werden. Die Frage kann nur 
sein, ob die technische Nothwendigkeit hiebei vorhergegangen ist, 
oder aber jene Form aus rein ästhetisch-formalen Gründen und sozu- 
sagen apriorisch ihre ornamentale Stellung erlangt hat. 
Es ist keine Frage, dass eine Form wie die Spirale zu jenen 
Urgebilden gerechnet werden muss, welche das menschliche Auge 
gleichsam unwillkürlich auf sich lenken. Dafür spricht auch die so
        

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